Näher zu dir

Letzte Woche habe ich im Sunnehügel, einer Gemeinschaft im ehemaligen Kapuzinerkloster, in Schüpfheim verbracht. Ich durfte, als Abwechslung von der Einsiedelei, die Gastfreundschaft dieser Gemeinschaft erleben, mit leben, und beitragen. Neben der Arbeit im Garten (“beten mit den Händen”) und den Zeiten die zum ruhigen Rückzug zur Verfügung standen, gab es auch Andachtszeiten. Die Impulse dazu erlebte ich als eher trocken und zum Teil gekünstelt.

Doch eines Abends ergab es sich ganz anders. Während einem sich wiederholenden Singen von Agios o Theos (Άγιος ο Θεός), einem orthodox anmutenden Lied, ergriff der Geist die versammelte Gemeinschaft. Weg waren die oft blutleere Stimmung, die frommen Sprüche, das zaghafte Mitsingen, das geübte Schweigen. Mit jeder Wiederholung öffneten sich die Kehlen: weg war das Was-sich-gehört, weg war die fromme Zurückhaltung, und das gemeinsame Singen schallte in ungeahnter Kraft, Stärke, Harmonie, und Schönheit.

Schon nach der ersten Wiederholung begann ich zu Weinen, was das Mitsingen nicht förderte; doch ich war nicht traurig – einfach berührt. Auch die anderen Anwesenden mussten berührt gewesen sein von diesem Moment der spürbaren Gottesnähe, denn sie formulierten in ungewohnter Offenheit und Authentizität Fürbitten aus den Anliegen, die jedeN EinzelneN in den jeweiligen Umständen beschäftigten.

Zu diesem Erlebnis passen auch verschiedene Zitate aus der Biographie von Henri Nouwen, in der ich während der Zeit im Kloster las. Da ereignete sich kollektive Seelsorge, denn ein Seelsorger ist “derjenige, der uns herausfordert, das Leben zu feiern, das heisst, uns von Fatalismus und Verzweiflung abzuwenden und zu entdecken, dass wir nur ein einziges Leben haben, um in der Erkenntnis zu wachsen, dass Gott sich um den Menschen kümmert” (Beumer, p. 89). Dazu braucht es keinen speziellen Glauben und keine Kirche. Auch erlebte ich diesen kraftvollen Moment während der Andacht wie eine Fortsetzung zur Arbeit (körperlich-praktisch wie auch seelisch-emotionell), die in dieser Woche innerhalb der Gemeinschaft geleistet wurde. Ich erlebte dies als eine Form des ununterbrochenen Gebetes. “Beten ohne Unterlass bedeutet nicht, fortwährend an Gott zu denken. Es ist etwas anderes… Beten [bedeutet] nicht an Gott zu denken statt an andere Dinge. Beten ist eher Denken und Leben in Gottes Gegenwart. Alles was wir tun und lassen, soll seinen Ursprung in diesem Gebet haben, soll also nicht isoliert werden von unseren täglichen Beschäftigungen” (p. 115). Nouwen konkretisiert diesen Gedanken weiter: “Zu Unrecht wird seiner Meinung nach Gebet ohne weiteres assoziiert mit einer frommen und andächtigen Haltung… Darum darf das Gebet nie der allerindividuellste Ausdruck eines allerindividuellsten Gefühls werden, sondern muss immer eingebettet sein im Leben der Gemeinschaft, zu der wir gehören” (p. 117). Nouwen rang sein Leben lang damit, Gebet in das eigene, praktische und alltägliche, Leben zu integrieren. Im Gebet sollen “wir alles aufgeben was uns von andern trennt” (p. 106). Und wir sollen in jeder Sache, die wir an die Hand nehmen, sei es das Umschaufeln von Kompost oder in einem spontanen Gespräch mit einem Mitmenschen, eine Aufmerksamkeit und Achtsamkeit walten lassen die “intensives Engagement und intensive Freude” (p. 120) entstehen lässt.

Meine Berührtheit beim Singen erlebte ich aus genau diesem Zusammenspiel. Ich spürte eine Befreiung vom Beliebigen und Belanglosen. Und es war für mich ein Erleben einer kollektiven Nähe zu Gott.

Beumer, J. (1998). Henri Nouwen: Sein Leben – sein Glaube. Freiburg im Breisgau: Herder.

2 thoughts on “Näher zu dir

  1. Lieber Othmar,

    ich habe diesen Eintrag zwar erst jetzt entdeckt, möchte dich aber doch noch wissen lassen, dass er mich sehr berührt hat. Ich wünsche dir eine gute und innerlich reiche letzte Zeit in deiner Einsiedelei!

    Herzlichst,
    Anne Lotte.

    1. Anne Lotte,
      Besten Dank für deine Zeilen. Ich bin nun auf dem Weg zurück in “die Welt”, gestärkt mit viel Kraft, Energie, und innerer Ruhe.
      Auf dem Weg nach Hause habe ich noch Zwischenhalt gemacht bei Bruder Klaus, dem wohl bekanntesten Schweizer Einsiedler und Mystiker. Wie du auf dem Bild siehst, konnte er auf dem Selfie nicht festgehalten werden!
      Selfie mit Bruder Klaus in seiner Zelle

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