Es war eine große Freude, Othmar Arnold am vergangenen Sonntag im Hospiz in dem kleinen Schweizer Dorf Tenna zu treffen, das hoch über dem Safiental auf einem Bergrücken liegt. Die Geschichte unseres Treffens ist es wert, etwas ausführlicher erzählt zu werden.
Zunächst zum Ort. Nach einer entspannten Wanderung am Sonntagmorgen beschloss ich, im Sozialraum Café vorbeizuschauen, das sich in einem attraktiven, recht neu wirkenden Gebäude befindet. Da es mein erster Besuch in Tenna war, hatte ich keine Ahnung, was mich erwarten würde, und war überrascht, als ich feststellte, dass ich in ein „Seniorenheim“ geraten war. Als ich mir jedoch die Unterlagen im Menü genauer ansah, wurde mir schnell klar, dass es sich um ein außergewöhnliches Projekt handelte, das einen ungewöhnlich umfassenden Blick darauf wirft, wie Pflege in einem nachbarschaftlichen Umfeld menschlich, nachhaltig und wirtschaftlich gestaltet werden kann. Kurz gesagt: Das Hospiz Tenna ist eine Wohngemeinschaft, die bis zu acht Menschen in der letzten Lebensphase und in der Palliativpflege Unterstützung bietet. Das Sozialraum Café ist ein fester Bestandteil des Projekts und bringt die Bewohner und die lokale Gemeinschaft zusammen und darüber hinaus, und bietet Wanderern und Besuchern wie mir gleichzeitig einen Ort, an dem man in diesem abgelegenen Bergdorf einen Kaffee, einen Snack oder eine Mahlzeit genießen kann.
H von Hospitium
Othmar hat ein abwechslungsreiches Leben geführt, das ihn in einige der entlegensten Winkel der Erde geführt hat. Sein Pioniergeist mündete in ein soziales Unternehmen, das an das Ethos der Gegenseitigkeit und Fürsorge anknüpft, das die Vision des „Hospitium“ seit Jahrtausenden geprägt hat, bevor es zu einem kaltherzigen Geschäft mit Palliativpflege verkommen ist. Was in Tenna geschieht, geht über die „praktische Pflege“ hinaus, die als Reaktion auf medizinische Bedürfnisse angeboten wird, das „Für-jemanden-Sorgen“. Unter „Care“ wird hier eine soziale Fähigkeit und Tätigkeit verstanden, die die Pflege all dessen umfasst, was für das Wohlergehen und die Entfaltung des Lebens notwendig ist. Sie umfasst daher auch das emotionale Engagement, sich um etwas zu „kümmern“, sowie die politische Fähigkeit, andere zu mobilisieren und sich „gemeinsam mit ihnen zu kümmern“ (eine Unterscheidung, die ich von den Autoren von „The Care Manifesto“ übernehme).
Das Finanzierungs- und Beschäftigungsmodell, das das Tenna Hospiz trägt – soweit ich es aus Othmars Antworten entnehmen konnte –, ist schlüssig, ausgewogen und berücksichtigt die universellen menschlichen Bedürfnisse: Existenzsicherung, Schutz, Zuneigung, Teilhabe, Identität und Freiheit (im Sinne von Manfred Max-Neefs „Barefoot Economics“). Es ermöglicht zudem erhebliche Einsparungen, sowohl für die Bewohner als auch für die breitere Gemeinschaft. Und doch betrachten die Regulierungsbehörden das Modell mit Argwohn, und einige lehnen es aktiv ab. Das mag unglaubwürdig klingen, ist aber für die Mehrheit der zivilgesellschaftlichen Innovatoren und Sozialunternehmer die tägliche Realität. Das mag unglaubwürdig klingen, ist aber für die Mehrheit der zivilgesellschaftlichen Innovatoren und Sozialunternehmer die tägliche Realität. Eine nützliche Faustregel: Gehen Sie davon aus, dass Innovatoren 80 % ihrer Zeit und Ressourcen darauf verwenden müssen, sich mit dem etablierten System auseinanderzusetzen, und nur den Rest für die eigentliche Schaffung gesellschaftlicher Werte übrig bleibt. Sich darin zurechtzufinden und unermüdlich nach Wegen zu suchen, um regulatorische Grauzonen zu seinem Vorteil zu nutzen, erfordert unglaubliche Ausdauer, eine echte Schlitzohrigkeit und eine beträchtliche Risikobereitschaft. zu seinem Vorteil zu nutzen, erfordert unglaubliche Ausdauer, eine echte Schlitzohrigkeit und eine beträchtliche Risikobereitschaft.
F von „Friedensarbeit“
„Kenne deine Feinde!“, sagte Othmar zu mir mit einem verschmitzten Lächeln. Nicht, um sie zu vernichten, sondern um sie von sich fernzuhalten, während man seiner „Friedensarbeit“, seinen „Werken des Friedens“, nachgeht. Die grundlegenden Paradoxien von Ich und Du sowie von Leben und Tod (siehe einen früheren Beitrag auf Medium), die im Zentrum dieser Arbeit stehen, sind, wie Jo sagte, nicht „logisch vorhersehbar“. Man kann sie nur leben und den Weg schaffen, indem man ihn geht.
Der Besuch im Tenna-Hospiz hatte sich wie ein ganz besonderes Privileg angefühlt. Ich ging, ohne für die Suppe und den Kaffee zu bezahlen, die mir serviert worden waren. Othmar zuckte nicht mit der Wimper. Ich kehrte zurück, um die Rechnung zu begleichen. Er nahm sie mit derselben Gelassenheit entgegen, mit der mir das Essen angeboten worden war. Grüezi wohl, Othmar! Bis bald!
It was a delight to meet Othmar Arnold this past Sunday at the Hospiz in the little Swiss village of Tenna, on a shoulder high above the Safien Valley. The story of our meeting is worth recounting at some length.
by Philippe Vandenbroek
First, about the place. After a relaxing Sunday morning hike I decided to look in at the Sozialraum Café, in an attractive, newish-looking building. As it was my first visit to Tenna I had no idea what to expect and I was surprised to find I had stumbled into an ‘elderly home’. Studying the materials tucked into the menu, however, I quickly understood that this was an extraordinary project with an uncommonly wide view of how care can be organised humanely, sustainably and economically within a neighbourhood setting. In a nutshell: Hospiz Tenna is a residential community offering support for up to eight people in the final stages of life and palliative care. The Sozialraum Café is an integral part of the project, bringing together the residents and the local community of Tenna and beyond, while also offering hikers and visitors like me a place to enjoy a coffee, a snack or a meal in this remote mountain village.
H from Hospitium
Othmar has led a richly varied life that took him to some of the most remote corners of the planet. His pioneering spirit sedimented into a social enterprise that connects to the ethos of reciprocity and care which has animated the vision of ‘hospitium’ for millennia, before it was sucked dry into a cold-hearted palliative business. What happens in Tenna goes beyond the ‘hands-on care’ offered in response to medical needs, the ‘caring for’. Here, care is understood as a social capacity and activity involving the nurturing of all that is necessary for the welfare and flourishing of life. It therefore also encompasses the emotional investment of ‘caring about’, and the political capacity to mobilise and ‘care with’ others (a distinction I borrow from the authors of The Care Manifesto).
The financial and employment model sustaining the Tenna Hospiz — as far as I could grasp from Othmar’s replies — is cogent, balanced, and respectful of universal human needs: subsistence, protection, affection, participation, identity and freedom (in the sense of Manfred Max-Neef’s Barefoot Economics). It also allows for considerable savings, for residents and the wider community alike. And yet regulators are looking askance, and some are actively opposing it. That may sound implausible, but it is the daily reality for the majority of civic innovators and social entrepreneurs. A useful rule of thumb: assume that innovators must invest 80% of their time and resources in interfacing with the established system, leaving the remainder for actual societal value creation. Navigating this, tirelessly looking for ways to turn regulatory grey zones to one’s advantage, requires incredible stamina, a genuine trickster nature, and a considerable appetite for risk.
F from Works of Peace
“Know your enemies!”, Othmar told me, with an impish smile. Not to destroy them, but to keep them off your back while one is engaged in one’s ‘Friedensarbeit’, one’s ‘works of peace’. The foundational paradoxes of I and Thou, and of Life and Death (see an earlier Medium story), that are at the heart of this work, are, as Jo said, not ‘logically foreseeable’. They can only be lived, creating the path by walking it.
Visiting the Tenna Hospice had felt like an exquisite privilege. I left without paying for the soup and coffee that had been served to me. Othmar didn’t bat an eyelid. I went back to settle the bill. He accepted it in the same unruffled manner in which the meal had been offered. Gruezi wohl, Othmar! See you again soon!
Auch in meiner anderen Heimat habe ich die Altersrente und die Auszahlung der Gelder der Pensionskasse beantragt. Eine Akkumulation der Letzteren konnte ich nicht komplett vermeiden in meiner werktätigen Lebenszeit, zu üppig war zeitweise mein Erwerbseinkommen.
Seit fast zwanzig Jahren arbeitete ich konsequent auf das Ziel hin, in freiwilliger Armut zu leben. Hypotheken abbezahlen. Konsumkredite eliminieren. Einkommen reduzieren. Bewusst ausgeben. Ängste abbauen und gesellschaftliche Erwartungen überwinden.
Nun werde ich das Referenzalter erreichen. Ich habe den Liegestuhl bereit, werde mein vollzeitliches Ehrenamt weiterführen und auch die nächsten 1’000 Tage täglich 12 – 14 Stunden für Kost und Logis im Einsatz stehen für ein “Leben auf hohem Niveau“.
Mit den beiden Teilrenten werde ich meine persönlichen Ausgaben ausserhalb der Wohngemeinschaft für den letzten Lebensabschnitt, Krankenkasse, Spenden, Reisen, Telefon, usw. finanzieren. Die Pension werde ich in einem sozialen Unternehmen investieren, mit Zinsverzicht.
Meine Wirtschaftsleistung wird bescheiden bleiben, doch in Zeiten des Krieges ist das meines Erachtens sehr angebracht. Friedensarbeit ist die beste Vorsorge!
Denn ich möchte nicht mit privilegierten Ansprüchen und verschwenderischem Lebensstil der Allgemeinheit zur Last fallen. Möge mir gegeben sein, auch diese Vision als kleines Licht im globalen Dunkeln leben zu können.
Freedom, after all
Well, I’ve finally done it!
I’ve also applied for my old-age-pension and the payout of my retirement-fund savings in my other home country. I couldn’t completely avoid accumulating the latter during my working life; my earned income was at times simply too high.
For almost twenty years, I have been working consistently towards the goal of living in voluntary poverty. Paying off mortgages. Eliminating consumer loans. Reducing income. Spending mindfully. Overcoming fears and societal expectations.
Now I am about to reach retirement age. I have my deckchair ready; I will continue my full-time voluntary work and, for the next 1,000 days, will be on duty for 12–14 hours a day in exchange for room and board, in the service of a “living at a high level”.
With the two partial pensions, I will finance my personal expenses outside the shared accommodation for the final stage of my life: health insurance, donations, travel, telephone, etc. I will invest the retirement funds in a social enterprise, waiving the interest.
My economic contribution will remain modest, but in times of war, I believe this is entirely appropriate. Peace work is the best provision.
For I do not wish to be a burden on the general public with privileged demands and a wasteful lifestyle. May I be granted the chance to live out this vision as a small light in the global darkness.
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A regional media company is searching for the ‘Graubünden Personality of the Year’ for the tenth time.
This is a good opportunity to pause and take a look at people who have shaped Grisons not with big words, but with deeds. Six personalities are up for election again this year. Three women and three men who have taken on responsibility in very different ways and achieved something special in the canton.
‘As a Canadian with roots in Central Switzerland, I don’t really feel comfortable with the nomination for Graubünden Personality of the Year.’
Othmar F. Arnold is one of them. With the Tenna Hospice, he has created a place that simply did not exist in the Safiental valley before: a place for people who do not want to move away at the end of their lives, but want to stay – in their home region. Arnold knows this wish only too well from his many years of work at Spitex and the ambulatory palliative care service. Time and again, he saw people having to leave their familiar surroundings as soon as they needed care. A personal experience finally prompted him to turn a vision into reality. Today, the Tenna Hospice is a residential community for the final stage of life. Arnold himself lives in the house and organises nursing and medical care when it is needed. Otherwise, the residents help each other.
Ein regionales Medienhaus sucht zum zehnten Mal die «Bündner Persönlichkeit des Jahres».
Eine gute Gelegenheit, innezuhalten und hinzuschauen: auf Menschen, die Graubünden nicht mit grossen Worten, sondern mit Taten geprägt haben. Auch dieses Jahr stehen sechs Persönlichkeiten zur Wahl. Drei Frauen und drei Männer, die auf sehr unterschiedliche Arten Verantwortung übernommen und im Kanton etwas Besonderes geleistet haben.
“Als Kanadier mit Innerschweizer Wurzeln fühle ich mich nicht so richtig Wohl mit der Nominierung zum Bündner des Jahres”
Othmar F. Arnold gehört dazu. Er hat mit dem Tenna Hospiz einen Ort geschaffen, den es im Safiental zuvor schlicht nicht gab: einen Ort für Menschen, die am Ende ihres Lebens nicht wegziehen wollen, sondern bleiben möchten – in ihrer Heimat. Arnold kennt diesen Wunsch aus seiner langjährigen Arbeit bei der Spitex und dem Palliativen Brückendienst nur zu gut. Immer wieder erlebte er, wie Menschen ihre vertraute Umgebung verlassen mussten, sobald Pflege nötig wurde. Eine persönliche Erfahrung gab schliesslich den Ausschlag, eine Idee in die Realität umzusetzen. Heute ist das Tenna Hospiz eine Wohngemeinschaft für den letzten Lebensabschnitt. Arnold lebt selbst im Haus und organisiert pflegerische und medizinische Hilfe, wenn sie nötig ist. Ansonsten helfen sich die Bewohnenden gegenseitig.
Diese Frage wurde mir in einem Interview gestellt. Für eine ehrliche und bedeutungsvolle Antwort brauchte ich doch einen Moment länger als was üblicherweise in einer Gameshow zur Verfügung stehen würde, ohne Joker und Lifeline.
2025
Aus meinem persönlichsten Umfeld wurde ich mehrerer strafrechtlicher Vergehen und eines Verbrechens bezichtigt. Der verpflichtete Anwalt und Rechtsvertreter hat mit dem Strafgesetzbuch in der Hand optimierte Szenarien formuliert und interpretiert. Die so durchsichtig auf maximalen Effekt für die Strafverfolgungsbehörde getrimmten Schreiben zeugen von langjähriger Erfahrung. Bezug zur Realität: unwesentlich. Kontext: irrelevant. Genauigkeit: nur wenn hilfreich. Der Anwalt ist ja der Mandantin verpflichtet – nicht dem Gesetz und nicht der Wahrheit.
Aus einem physiologischen Furz lässt sich so eine symphonische Dichtung der Neuen Musik oder eine Umweltkatastrophe mit Giftgaseinsatz konstruieren.
Loslassen.
Anstelle einer juristischen Vertretung habe ich mich auf die spirituellen Werte und Haltung meines Glaubens bezogen. Ich habe mich allein als ganzer Mensch hingestellt und das Verhör, wie auch die Befragung durch die Staatsanwältin, ohne juristische Strategie und argumentative Finesse beantwortet.
Wahrhaftigkeit. Integrität. Die Frage des “Recht Habens” wurde völlig irrelevant unter solchen Umständen. Die Chance auf Erfolg ebenso.
Der Rechtsvertreter hatte seine Mandantin mit vorformulierten Aussagen und Feststellungen gebrieft und gecoacht. Leider hatten diese nicht immer einen relevanten Bezug zum Inhalt der laufenden Verhandlungen. Auch war er verstrickt in technische Schwierigkeiten mit seinem Gerät, die ihn genauso lächerlich aussehen liessen wie er die fortschreitenden Vergleichsgespräche zwischen mir und seiner Mandantin störte. Zum Schluss sass er da, zerknittert und mit schlaffer Krawatte in seinem gebügelten Anzug.
In diesem turbulenten Prozess gab es einen Moment, eine Minute des Schweigens, des wortlosen Dialogs mit direktem Augenkontakt zwischen der Geschädigten und dem Beschuldigten. Da war eine innige, liebende Verbundenheit präsent. Unausgesprochen. Unerklärlich.
Ankommen.
Einfachheit. Gemeinschaft. Die komplizierte juristische Attacke und damit die Zuschreibung von Schuld drehte danach eine weitere Schlaufe nach ihren eigenen Spielregeln (alles gesetzeskonform), und ich fühlte mich wie aussen vor als Betrachtender. Mit gelegentlichem Blick in die saftigen Kronen der umstehenden Bäume.
Ich durfte zum Schluss einen vorverfassten Vergleich unterschreiben. Mich bedanken und verabschieden.
Und weitergehen.
Gleichwertigkeit. Frieden. Diese Funken der Menschlichkeit zeigten sich ganz kurz. Mir scheint es wichtig, diese trotz allen Widrigkeiten und trotz des Fehlens eines gemeinsamen Verständnisses und gleichwertigen Dialogs zu spüren, zu erkennen und wertzuschätzen.
Was ich hier anhand einer kurzen Episode beschreibe, hat ein ganzes Lebensjahr definiert.
“Speaking truth to power” wirkt auch in anderen Situationen und Kontexten.
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Diskussionsthema: Aufruf zur Totalverweigerung und zur Gründung eines Friedenskollektivs
DER ERSTE FRIEDE
Der erste Friede, der wichtigste ist der, welcher in die
Seelen der Menschen einzieht, wenn sie ihre Verwandt–
schaft, ihre Harmonie mit dem Universum einsehen und
wissen, dass im Mittelpunkt der Welt das Grosse Geheimnis
wohnt, und dass diese tatsächlich überall ist. Sie ist
in jedem von uns. Dies ist der wirkliche Friede. Alle
andern sind lediglich Spiegelungen davon.
Der zweite Friede ist der, welcher zwischen Einzelnen
geschlossen wird und der dritte ist der zwischen Völkern.
Doch vor allem sollt ihr sehn, dass es nie Frieden zwischen
Völkern geben kann, wenn nicht der erste Frieden vorhanden
ist, welcher wie ich schon oft sagte, innerhalb der Menschen-
seelen wohnt.
Hehaka Sapa
Die Idee zu diesem Aufruf zur Totalverweigerung und zur Gründung eines Friedenskollektivs geht davon aus, dass heute mit vielen Initiativen und Abstimmungskämpfen zwar durchaus eine sehr breite Diskussion zu einem Thema kann in Gang gesetzt werden.
Diesen Vorgang konnten wir in den letzten Jahren doch einige Male beobachten, zB anhand von Energie-, Zivildienst- und einigen anderen Vorlagen. Dennoch glaube ich nicht, dass dabei je eine echte Auseinandersetzung stattgefunden hat, denn innerhalb einer echten Diskussion können sich Leute mit verschiedensten Standpunkten durchaus näher kommen. Doch gerade dieses Element war auf der politischen Ebene in letzter Zeit nie mehr festzustellen. Die Fronten sind gebildet, die beiden lager organisiert. Darum finde ich, dass es heute nötiger denn je ist, dass sich endlich eine Gruppe von Menschen bildet, die die gesittete Normalität und das kriecherische Anpassertum überwindet und die volle Radikalität zu leben versucht.
… aber niemand getraut sich, über seine Beschränktheit hinauszukommen.
In der gesamten linken Opposition und der grün-alternativen Bewegung werden immer wieder kleine Schritte des Umkehrs gemacht. JedeR macht für sich wieder Fortschritte, im privaten Bereich, aber niemand getraut sich über diese Beschränktheit hinauszukommen.
Es ist kaum möglich, einen gemeinsamen Kampf aufzunehmen, zum Beispiel beim Militär eine Kollektivverweigerung. So geht es auch in anderen Bereichen, jedeR muss doch Rücksicht nehmen aus seine/ihre spezielle Situation und kann deshalb, obwohl die gemeinsame Idee durchaus befürwortet wird, nicht an einer kollektiven Aktion teilnehmen. Darum muss ich heute sagen: Sind wir nicht alle zusammen HosenscheisserInnen und BünzlibürgerInnen? Nach vorne bis zur Nasenspitze und nach hinten bis zum Geldbeutel reicht unser Spektrum, innerhalb dessen wir bereit sind uns zu ändern.
Wir alle haben das Vertrauen in eine echte Gemeinschaft verloren, die bereit ist jedeN einzelneN zu tragen, egal wie gut oder wie mies es ihr/ihm geht; die bereit ist auch das Leiden zu teilen, zum Beispiel im Kampf um die Radikalität. Nur allzu schnell führt dieser Weg in die Illegalität, doch da beginnt plötzlich wieder jedeR sich selbst zu schützen.
Warum eigentlich kann das Allgemeinwohl heute nicht mehr höher eingeschätzt werden als das private Wohlergehen? Wir hocken alle in einer Zweierkiste oder einer anderen Gemeinschaft, aber im Grunde genommen schaut jedeR für sich, Hauptsache, er/sie kann gut leben, Hauptsache, das geistige und physische Wohl ist garantiert.
Man/frau denkt schon an die Zukunft und an die kommenden Generationen, man/frau sieht auch, dass wir die Verantwortung tragen sollen für die Weiterexistenz des Lebens überhaupt. Und jedeR ist zufrieden , wenn sie/er einen kleinen Beitrag an das umfassende Ziel geleistet hat, wenn sie/er zum Beispiel kein Fleisch mehr isst, dafür aber nicht auf die Elektrizität oder das Auto verzichten kann. Aber immerhin, so tönt es beruhigend, sei ein kleiner Schritt immer besser als gar keiner. Also nimmt sich heute jedeR aus dem grossen Korb der verschiedenste Möglichkeiten die Massnahme heraus, die sie/er, ohne dass es ihr/ihm eine grosse Überwindung kosten würde, realisieren kann.
EineR verzichtet auf das Fleisch in der Ernährung, der/die andere fährt nur mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, und die/der dritte arbeitet für einen Tausender in einem Alternativbetrieb. All dies sind Schritte hin zu einer Veränderung, aber sie gehen alle nur so weit, als sie uns nicht zu persönlich und vor allem nicht unsere Sicherheit tangieren.
Es würde mich nicht wundern, wenn die Migros bis in zehn Jahren nur noch Bio-Gemüse verkaufte würde.
Da stellt sich doch ernsthaft die Frage, ob damit auf die Dauer auch nur jemandem geholfen werden kann. Bewirkt diese egoistische Handlungsweise noch etwas mehr, als dass sie unser Gewissen beruhigt? Wird dadurch irgendetwas in Frage gestellt? Wird auch nur eine der Institutionen, die uns als übermässige Machtstrukturen entgegentreten, dadurch betroffen?
Nein, mit dieser unkoordinierten Handlungsweise tun wir niemandem weh. Wir können zwar wunderschöne Geschichten schreiben, über Zusammenhänge aufklären, alle möglichen Institutionen angreifen, doch diese sind so weltoffen, dass sie diese Kritik auch einstecken können. Denn sie wissen zu genau, dass die gesamte Alternativbewegung nur immer von den gesellschaftlichen Veränderungen spricht, dass sie aber trotzdem abhängig bleiben wird von den Konzernen und dem Staat.
So passiert denn auch nichts gegen den Willen dieser Machtträger, sie gehen im Gegenteil sogar auf gewisse Forderungen unsererseits ein. Es würde mich nicht wundern, wenn die Migros bis in zehn Jahren nur noch Bio-Gemüse anbieten und verkaufen würde. Eine absolut realistische Vorstellung. Und dann würde das Hurra-Geschrei auf der Seite der Alternativbewegung hervorbrechen, sie würden diese Veränderung feiern wie einen Sieg über diese Wirtschaftsmacht. Und die Migrosmächtigen lachen sich ins Fäustchen, die andern haben ihre Freude und wir weiterhin Absatz, Kundschaft und riesige Gewinne. Es kommt der Wirtschaft eigentlich nicht darauf an, womit sie ihr Geld verdienen, Hauptsache, sie verdienen.
Aber auch die Armee spürt es nicht in ihren Verbänden, wenn jährlich siebenhundert Männer und zwei Frauen ihren Dienst verweigern. Sie veranstalten zwar für diese Fälle jeweils ein Riesentheater mit richtigen Schauprozessen. Doch daneben mustert die Armee jährlich noch ein paar tausend ihr unliebsame Leute auf medizinischem und psychiatrischem Weg aus. Diese erscheinen nirgends in einer Statistik und werden mit aller Sorgfalt verschwiegen. Auch wird sich keiner der Armeeführer auch nur eine schlaflose Nacht machen wegen der Initiative, die gegen die Initiative lanciert werden soll. Es ist ja schon zum voraus klar, dass es auch den Initianten nur um die Anregung einer Diskussion geht und zu einer Diskussion ist man grosszügigerweise immer bereit.
Aber wenn die fünfzigtausend Männer, die voraussichtlich mit fünfzigtausend Frauen die Initiative unterzeichnen werden, keinen Militärdienst mehr leisteten, auch nicht beim Zivilschutz, so würden die Offiziere und Generäle echt ins Schwitzen kommen, das ergäbe Bestandeslücken, die bedeutend mehr erreichen könnten als der teure Abstimmungskampf .
Noch kurz ein anderes Beispiel. Wenn nach der letzten energiepolitischen Abstimmung alle Ja-Stimmenden für eine Woche auf den Stromverbrauch verzichtet hätten, so wäre die dienstbare Elektromafia doch kurz ins Schleudern geraten und hätte die eine oder andere Zentrale abschalten müssen. Und man/frau hätte sehen können, dass ihre Macht nur auf der Bequemlichkeit der Strombezüger beruht und keineswegs gottgegeben ist, und deshalb auch veränderbar ist.
Darum glaube ich an die Kraft der Radikalität ich glaube, dass ich glaube, dass Veränderungen möglich sind; ich glaube aber auch daran, dass die Opposition nicht ohnmächtig ist, sondern dass sie sich vielmehr ohnmächtig macht, weil jedeR nur für sich schaut. Wenn die Alternativbewegung tatsächlich Veränderungen verwirklichen möchte, so hätte sie die Kraft dazu.
Doch werde ich manchmal den Verdacht nicht los, dass wir zwar immer von Veränderungen reden, doch in unserem Innersten sind wir zufrieden mit dem jetzigen Zustand. Es geht uns gut, ja sogar bestens. Deshalb sagte ich schon zu Beginn: HosenscheisserInnen, BünzlibürgerInnen, KompromisslerInnen. Auf Kosten des Allgemeinwohls und auf Kosten der Zukunft lassen wir es uns gut gehen!
Aus diesen Gründen sollten wir heute eigentlich so weit sein, dass wir über unsere eigene Beschränktheit hinaus gehen und einen mutigen Schritt in die Zukunft wagen. Indem wir uns dazu bereit erklären, dass wir und vom Ich-bezogenen Wohlfahrtsdenken befreien, indem wir bereit sind, jede militärische und paramilitärische Dienstleistung zu verweigern. Indem wir auch bereit sind, unsere Arbeitskraft und unsere Finanzkraft zu verweigern, indem wir uns nicht mehr aus purem Egoismus und aus reiner Bequemlichkeit auf hunderte von Kompromissen einlassen, die es anderen ermöglichen uns von ihnen abhängig zu machen.
Wir sollten aber gleichzeitig bereit sein, unsere Kraft für den Aufbau eines Friedenskollektivs einzusetzen. Dieses Kollektiv könnte dann von sich aus Aufgaben übernehmen, die weit über das Bisherige und das in den heutigen Strukturen Mögliche hinausgehen. Diese Aufgaben drängen uns nicht nur im sozialen Bereich, zum Beispiel in der offenen Altershilfe, bei der Integration von Behinderten und anderen zu Sozialfällen abgestempelte Randgruppen, sondern auch in anderen Lebensbereichen. Ich denke dabei an die Landwirtschaft, insbesondere in den von der Abwanderung und Vergandung betroffenen Berggebiete, aber auch an den Umweltschutz, zum Beispiel beim Weiterentwickeln einer angepassten und sanften Technologie. Ein besonderes Anliegen wird die aktive Friedensarbeit sein.
Die Arbeit des Friedenskollektivs darf aber nicht kommerzialisiert werden, sie darf sich auch nicht verkaufen. Aus ihrem Selbstverständnis heraus kann sie nicht entschädigt werden, denn sie entspricht nicht einem kurzfristig messbaren Wert. Daraus ergibt sich auch der kollektive Charakter der ganzen Idee, für eineN EinzelneN ist diese Lebenshaltung nicht realisierbar. Ein Friedenskollektiv wird sich selbst tragen, wird vielleicht sogar eigene Lebensräume fordern. Wenn schon ein Nationalpark zur Erhaltung der Pflanzen- und Tierwelt möglich ist, so sollte es auch möglich sein, Gebiete auszuscheiden in denen auch der Mensch zusammen mit Tier, Pflanze und anorganischer Umwelt leben und überleben kann.
Der neue Hausphilosoph der Wohngemeinschaft Alte Sennerei im Tenna Hospiz hat dies, in Anlehnung an ein bei Gogol, Die stille Trauer, schon 1842 zitiertes Sprichwort, formuliert.
Ich bin beeindruckt von der Tiefe dieser Aussage eines einfachen Mannes. Er, der keine akademischen Titel trägt, Pfeife raucht, und still die Welt beobachtet: nicht nur die Schönheit der majestätischen Bergkulisse an seinem letzten Lebensort, sondern – mit der selben Neugier und ohne analytisch-rechthaberischen Ansprüchen – auch die soziologischen Begebenheiten und Zusammenhänge.
Ich weiss nicht, ob er jemals Gogol gelesen hat. Er ging als Hirt durchs Leben. Er kennt wenige Flecken dieser Erde – die, die er kennt jedoch in minutiösen und vernetzten Details. Sein Hobby war es “Hirschhora” zu sammeln; dabei weiss jedes Kind, dass Hirsche ein Geweih tragen…
Ein medizinischer Notfall setzte seiner eigenwilligen Eigenständigkeit ein jähes Ende.
Hilflos und körperlich stark beeinträchtigt wagte er den Schritt – von Angehörigen im Rollstuhl gestossen – in eine Wohngemeinschaft für den letzten Lebensabschnitt. Er verzichtete auf professionelle Abklärung, Diagnose, medizinische Behandlung und Rehabilitation.
Mit der Akzeptanz eines Weisen und dem Willen und der Kraft eines einfachen Menschen lernte er in kurzer Zeit, einen neuen Alltag zu meistern.
Stell dir vor, das Erlebnis, wenn eine gelähmte Hand das erste Mal am Frühstückstisch eine Scheibe Brot zu greifen vermag. Dank höchster Konzentration, optimistischem Ausblick und trotz gegenteiliger Evidenz.
Stell dir vor die Freude, als er wieder vor die Haustüre treten konnte, um seiner Sucht zu frönen.
Damit hat er den medizinisch-industriellen Komplex um durchschnittlich € 43’812 an Umsatzpotenzial gebracht (safestroke.eu: At what cost?). Die pro Patient im Schnitt ausgewiesenen nicht-verrechenbaren 500 Pflegestunden pro Jahr werden ihm durch die Wohngemeinschaft Alte Sennerei und pflegende Angehörige geleistet.
Und was hat das mit dem befürchteten Weltuntergang zu tun?
Erstens, unser Hausphilosoph hat sich entschieden, mit dem was er hat, das Beste zu machen. Er strebte kein Ideal an, er stellte keinen Anspruch auf Genesung, Heilung oder gar Optimierung. Er hat auch nicht darauf gepocht, dass er mit allen verfügbaren Mitteln behandelt wird, nur weil er jahrzehntelang in die Krankenkasse einbezahlt hat ohne gross davon zu profitieren.
Ihm waren andere Sachen wichtig – und diese scheinen nicht modern. Dafür sind sie nachhaltig und sie werden als universelle menschliche Werte die angehende Apokalypse überdauern.
Ohne gewisse ‘altmodischen Tugenden’ wird die Welt der modernen Gesellschaften zugrunde gehen. Denn in diesen Tugenden, und nicht in den modernen Hypes, steckt die Kraft der Resilienz, trotz dem wirtschaftlichen Würgegriff der modernen Zeit und den daraus resultierenden soziologischen Konsequenzen, ein Leben in Würde leben zu können.
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Othmar F. Arnold und Tenna: Das ist eine alte Geschichte. Sie reicht zurück in die frühen 1980er-Jahre, als sich der Dienstverweigerer Arnold aus Sursee LU zu einem freiwilligen Zivildienst in der Berglandwirtschaft entscheidet. Während dieser Arbeit wächst der Wunsch, mal einen Sommer auf einer Alp zu verbringen. Aber wo? Es ist ein Bauer aus Tenna im Safiental, der dem jungen Mann einen Hirtenstock in die Hand drückt. Arnold gefällts. Einen Sommer später trifft man Arnold erneut auf einer Safier Alp. Tenna wird zum Sehnsuchtsort.
Wen wunderts, dass sich Arnold, als er vom Tod des «Bankenmichels» in Tenna erfährt, sich um die Nachfolge bewirbt? Der 25-Jährige wird Chef der Raiffeisenbank. Es ist ein 30-Prozent-Job mit Freiräumen. Arnold wird Bergbauer. Doch mit der Pacht will es nicht so recht klappen. Nach zwei Jahren steht Bauer Arnold plötzlich ohne Land da. Was tun? Die Antwort führt zur grössten Zäsur in seinem Leben: Mit Kind und Kuh gehts nach Kanada. Es ist ein Aufbruch ins Unbekannte, gleichzeitig auch die Zerstörung einer Illusion. Denn bald muss Arnold erkennen, dass Landwirtschaft letztlich nicht seine Berufung ist.
Es geht zurück auf Feld eins. Arnold zieht mit der Familie an den Rand eines indigenen Dorfes und führt als «Wilderness Guide» Touristen durch die Gegend.
Im Winter hält er die Familie mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Bald wird er angefragt, ob er bei der Feuerwehr mitmachen wolle, bei der Sanität und der Ambulanz. Im Rückblick ist ihm klar: «Das war mein Einstieg in die Pflege».
Arnold bildet sich zum Rettungssanitäter aus. Mit 40 Jahren beginnt er am Selkirk College in Castlegar im Südwesten der Provinz British Columbia das Studium zum Pflegefachmann. Dort wird ein breites Berufsverständnis vermittelt. Pflegende sollen mehr Verantwortung übernehmen und in Bereichen mitdenken und entscheiden, die hierzulande Ärzten vorbehalten sind. 2005 folgt der Bachelor in Pflegewissenschaften, fünf Jahre später der Master. Dazwischen arbeitet Arnold in der Langzeit- und Demenzpflege, in einem Aids-Hospiz und sammelt bei Einsätzen in Uganda, Ruanda oder Pakistan Erfahrungen als humanitärer Katastrophenhelfer. Es ist aber auch die Zeit, während der das Bedürfnis nach einer Rückkehr in die Schweiz wächst.
Ein Inserat der Spitex Foppa in Ilanz lockt ihn 2013 schliesslich zurück und in den traditionellen Pflegeberuf. Arnold bildet sich weiter, absolviert 2016 gar ein theologisches Nachdiplomstudium … und initiiert schliesslich in Tenna das «Hospiz Alte Sennerei», diesen «Ort zwischen Heim und Daheim», wo «alte Menschen in einer Wohngemeinschaft und in vertrauter Umgebung leben und kompetent und achtsam durch fragile Zeiten begleitet werden.» Seit 2021 leitet der 64-Jährige das Hospiz, unterstützt von einem kleinen Team aus Fachleuten
Übrigens: Jenen Bauer aus Tenna, der vor über vierzig Sommer Othmar F. Arnolds Alpwunsch ermöglicht hatte, durfte er zu Hause in den Tod begleiten. Seine Frau ist heute Bewohnerin im Hospiz.
Text: Zeitlupe Magazin, 08-2025, Marco Guetg
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In diesem Büro entfaltete und verfeinerte sich das Projekt.
In Zwiesprache mit Gott. Ohne die täglichen Neuigkeiten, die gesellschaftlichen Erwartungen, die persönlichen Verführungen und all die Ablenkungen und Dämonen, welche uns stets begleiten in dieser Welt.
Die Rahmenbedingungen für die Vision, wie auch die noch vorhandenen Freiräume im komplexen Regelwerk unserer Gesellschaft, waren vorgängig wohl recherchiert.
Der einfache Ort bot eine unendliche Freiheit, neu und intuitiv zu denken und zu kombinieren. Ohne vergleichen zu müssen, ohne die Machbarkeit (oder gar die Finanzierbarkeit) abwägen zu müssen.
Was habe ich mit der Alten Sennerei – pflegegerechter Wohnraum für den letzten Lebensabschnitt im Safiental – gemeinsam?
Wir dürfen beide sichtbar altern.
Ich habe etwa 60 Jahre Vorsprung auf den Neubau für das Tenna Hospiz! Doch der massive Doppelstrickbau aus 130-jährigen Fichten wird mich locker ein- und überholen – nachdunkeln, Risse kriegen, eine markantere Textur entwickeln. Τα χρόνια περνούν και γερνάμε.
Dazu muss ich nicht mich in jungen Jahren anfangen einzubalsamieren, täglich zu überwachen, und dann eine Plethora von Wundermitteln und -techniken, samt Accessoires, zu konsumieren um damit meinen Alterungsprozess zu steuern, zu verlangsamen, zu verhindern. ὕβρις.
Und wenn wir dann unsere Lebensdauer erlebt haben, werden wir beide – jede auf seine Art, jeder zu seiner Zeit – in den Kreislauf der Natur zurückkehren. καιρός.
Tröstlich ist auch zu wissen, dass das Leben der 600 Fichten und Lärchen, die gefällt wurden für den Neubau der Alten Sennerei, mit ihrem biologischen Tod nicht nutz- oder sinnlos wurde. Auch jetzt strahlen sie wieder Wärme und Wohlbefinden aus. Für Generationen, für ein #lebenaufhohemniveau
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A hospice is a special place where “incurably ill, dying people” are accompanied. “In a soothing environment, we want to help our clients to the best quality of life.” (Hospice Graubünden)
A communal residence for the last phase of life, such as the small lighthouse project in the Alte Sennerei in Tenna / GR, also offers a soothing environment for the best possible quality of life. It is primarily a place for people (without a defining medical diagnosis), “who can no longer live independently at home, but do not want to leave their homeland… in order to be able to stay in their usual cultural, social and scenic environment until the end of life” (Bürge, 2025).
“The WG Alte Sennerei pursues a holistic and life-affirming approach to death. Instead of tabooing it, it is considered an integral part of life. The philosophy is based on the principle “Ars vivendi – Ars moriendi” – the art of living and dying” (Rüegger, 2006). “In a society that often represses death, the WG Alte Sennerei creates a space in which dying is assumed to be a natural process. This also means that the dying process and death do not have to happen behind closed doors.” (Bürge)
In the Alte Sennerei, individual dying is lived in community .
Thus, the grieving process for the dying person, as well as for the cohabitants, often begins long before the (from a medical point of view) “deterioration of the general condition”. A dying person needs more and more support in everyday life: more closeness and companionship, possibly aids, more rest and new forms of participation. Maybe even palliative care and medical relief of clinical symptoms.
The cohabitants take an active part – to the extent that they are ready and capable. For them, it is also the last phase of life. They live with the awareness that “I am next”. This also results in special forms of affection.
A individual reflection on existential questions is inevitable. It is nice when these are alluded to or at least lived out within the community.
Literature:
Bürge, Philipp. (im Druck). Wohngemeinschaft Alte Sennerei. Selbstbestimmung und Teilhabe im letzten Lebensabschnitt innerhalb der sorgenden Gemeinschaft. Verein Tenna Hospiz, Tenna.
Rüegger, Heinz. 2006. Das eigene Sterben. Auf der Suche nach einer neuen Lebenskunst. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen. ISBN 978-3-525-63371-7
Arnold, Othmar F. 2024. Palliative Care als Gottes Dienst. In: Mit dem Tod leben.Religiöse Gesellschaft der Freunde (Quäker), Bad Pyrmont. ISBN 978-3-929696-68-4
Ein Hospiz ist ein spezieller Ort, in dem “unheilbar kranke, sterbende Menschen” begleitet werden. “In einer wohltuenden Umgebung möchten wir unseren Bewohnenden zur bestmöglichen Lebensqualität verhelfen.” (Hospiz Graubünden)
Eine Wohngemeinschaft für den letzten Lebensabschnitt, wie das kleine Leuchtturm-Projekt in der Alten Sennerei in Tenna/GR, bietet auch eine wohltuende Umgebung für bestmögliche Lebensqualität. Sie ist in erster Linie ein Ort für Menschen (ohne definierende medizinische Diagnose), “die nicht mehr selbständig zu Hause leben können, aber ihre Heimat nicht verlassen möchten… um bis zum Lebensende in ihrem gewohnten kulturellen, sozialen und landschaftlichen Umfeld bleiben zu können” (Bürge, 2025).
“Die WG Alte Sennerei verfolgt einen ganzheitlichen und lebensbejahenden Umgang mit dem Tod. Statt ihn zu tabuisieren, wird er als integraler Bestandteil des Lebens betrachtet. Die Philosophie basiert auf dem Prinzip «Ars vivendi – Ars moriendi» – die Kunst des Lebens und des Sterbens” (Rüegger, 2006). “In einer Gesellschaft, die den Tod oft verdrängt, schafft die WG Alte Sennerei einen Raum, in dem Sterben als natürlicher Prozess angenommen wird. Das beinhaltet auch, dass der Sterbeprozess und der Tod nicht per se hinter verschlossenen Türen passieren muss.” (Bürge)
Das individuelle Sterben wird in der Alten Sennerei in Gemeinschaft gelebt.
Somit setzt der Trauerprozess für die sterbende Person, wie auch für die Mitbewohnenden, oft schon lange vor der (aus medizinischer Sicht) “Verschlechterung des Allgemeinzustands” ein. Eine sterbende Person braucht zunehmend mehr Unterstützung im Alltag: mehr Nähe und Begleitung, eventuell Hilfsmittel, mehr Ruhe und neue Formen der Beteiligung. Vielleicht sogar palliative Pflege und medizinische Linderung klinischer Symptome.
Die Mitbewohnenden nehmen aktiv Anteil – in dem Mass, in dem sie bereit und fähig sind. Denn für sie ist es auch der letzte Lebensabschnitt. Sie leben mit dem Bewusstsein, dass ich “die Nächste bin”. Daraus ergibt sich auch eine besondere Form der Zuneigung.
Eine jeweils eigene Auseinandersetzung mit den existenziellen Fragen ist unausweichlich. Schön ist es, wenn diese dann in der Gemeinschaft auch angetönt oder wenigstens ausgelebt werden.
Literatur:
Bürge, Philipp. (im Druck). Wohngemeinschaft Alte Sennerei. Selbstbestimmung und Teilhabe im letzten Lebensabschnitt innerhalb der sorgenden Gemeinschaft. Verein Tenna Hospiz, Tenna.
Rüegger, Heinz. 2006. Das eigene Sterben. Auf der Suche nach einer neuen Lebenskunst. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen. ISBN 978-3-525-63371-7
Arnold, Othmar F. 2024. Palliative Care als Gottes Dienst. In: Mit dem Tod leben. Religiöse Gesellschaft der Freunde (Quäker), Bad Pyrmont. ISBN 978-3-929696-68-4
Wenn ein Stuhl leer bleibt in Gemeinschaft…
Für ein Leben auf hohem Niveau! Auch in schweren Zeiten.
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‘Liebe zum Leben’ – ‘Mut zum Menschen’ ist die «Bekenntnisformel» (Rainer Funk) für Erich Fromms Denken, Leben und Werk.
Wenn es keine Vision mehr gibt von etwas Großem, Schönem, Wichtigem, dann reduziert sich die Vitalität, und der Mensch wird lebensschwächer.
Mit dieser Aussage erweist sich Erich Fromm als ein unbedingter Förderer menschlicher Kreativität und Produktivität. Diese nimmt er ausdrücklich für alle Lebensalter an. Für sie gibt es vier bedeutende Voraussetzungen: Erstens Offenheit und zweitens Tapferkeit des Menschen, drittens die Verwirklichung des möglichst natürlichen, ursprünglichen Seins, viertens eine Mitwelt, die uns inspiriert, motiviert, fördert.
Dieser Text aus einer Veranstaltungsbroschüre des Forums Gesundheit und Medizin liest sich wie eine Paraphrasierung aus dem Projektbeschrieb des Verein Tenna Hospiz für die Alte Sennerei – Wohngemeinschaft für den letzten Lebensabschnitt in Tenna (Safiental/GR).
Das Projekt Tenna Hospiz wuchs aus einer Vision. “Die Initiantinnen und Initianten der Wohngemeinschaft Alte Sennerei haben sich überzeugt der Menschlichkeit verschrieben. Es ist eine dezidierte Orientierung an menschennahen Werten, die ihnen und dem Modell Standfestigkeit gibt. Hier wird Menschlichkeit nicht nur postuliert, sondern auch gelebt” (Philipp Bürge) “Die Wohngemeinschaft hat eine sozialraum- und ressourcenorientierte Haltung verinnerlicht, welche Selbstbestimmung, Teilhabe und Würde bis zum Lebensende ermöglicht.”
Eben: Mut zum Menschen – Liebe zum Leben!
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Obedience is very often understood in relation to the fact that one gives orders and others obey. Obedience is of great importance in hierarchical systems, such as the army, where obedience is imperative and non-obedience leads to punishment. The same is true in the church, where obedience is a special virtue and leads to salvation. Non-obedience is a guide to hell in various church organizations and denominations. But even the seemingly value-free market economy demands absolute obedience. According to proponents of a neo-liberal economic paradigm, influencing the invisible market forces will only lead to misfortune: therefore are government regulations, and other considerations and interventions for the common good responsible for all the ills of today’s consumer society.