2.1. Grundverständnis

Auszug aus dem kurzen Projektbeschrieb des Lebens

von Othmar F. Arnold

2.1.1. Die Liebe

le castagne di Bordei
unerschöpflich. bedingungslos. erwartungslos: stark

Gott ist die Liebe. 

Ein provokanter Einstieg – aber ein wichtiger für mich um die Liebe zu verstehen. Heute wird Liebe eher als Ware betrachtet, etwas von dem der Mensch hat und gehalten ist sorgfältig damit um zu gehen, denn eine solche Ressource ist ja irgendwann mal ausgeschöpft – also ja nicht allzu dick auftragen. Das entspricht nicht meiner Sichtweise. Die Liebe ist eben wie das Göttliche – nämlich unerschöpflich. Was limitiert zu sein scheint, ist die menschliche Fähigkeit damit um zu gehen, das heisst die Fähigkeit zu geben und zu empfangen.

Ich habe diese Unerschöpflichkeit konkret erfahren in der Zeit, als wir Kinder kriegten: Meine Partnerin und ich waren in einer “Zweierkiste”, und wir haben uns lieben gelernt (manchmal wage ich gar zu behaupten, uns wurden erst allmählich die Augen geöffnet um die bereits vorhandene Liebe zu sehen und zu erkennen, denn wir kamen beide mit Lebenserfahrungen und Prägungen, die da nicht hilfreich waren) – und plötzlich kommt ein weiteres Geschöpf dazu, und dann noch eines – und meine Erfahrung ist, dass meine Liebe zu ihr nicht geteilt werden musste mit unserer Tochter, und später die Liebe zur Partnerin und zur Tochter nicht geteilt werden musste mit unserem Sohn (der hätte dann im besten Fall noch einen Drittel abgekriegt). Nein, ich habe erfahren, dass mir die Fähigkeit gegeben ist (und die ich pflegen muss), diese Liebe aus dem Unendlichen zu schöpfen – ich musste mir die Zeit und Aufmerksamkeit jeweils der Situation entsprechend einteilen und die Umgangsformen entsprechend anpassen, aber die Liebe war immer eine Volle. Und ich hatte dazu weiterhin auch die Kraft, mich anderen Menschen liebevoll zu zu wenden, den Pflegekindern, in Freundschaften, aber auch im Beruf (Beispiele: Rücken massieren oder Füsse eincremen). Diese Erfahrung, und das Bewusst-Werden darüber, prägen mich auf meinem weiteren Weg durch die Welt.

Ich habe schon lange geahnt, dass wir Menschen in der Alltagssprache verschiedene Vorstellung im Begriff ‘Liebe’ vereinen und vermischen, und dass das manchmal auch zu schmerzlichen Missverständnissen führt. Das offensichtlichste dieser Missverständnisse ist die beliebige Austauschbarkeit von den Begriffen Liebe und Sex. Doch die Nachrichten machen mir immer wieder deutlich, das Sex heutzutage (genauso wie in allen früheren Epochen) auch als Instrument der Gewalt gebraucht wird, und zwar in persönlichen Beziehungen wie auch systematisch als Kriegsmittel. Das ist etwas das mich zu tiefst bedrückt, nicht als direkt Betroffener, sondern als Zeuge der traurigen Wahrheit. 

2.1.2. Die Kunst des Liebens

Doch meine Abhandlung soll ja zum Thema Liebe sein. Ein kleines Büchlein von Erich Fromm, “Die Kunst des Liebens”, hat mir geholfen mehr Klarheit zu gewinnen. Diese Schrift war in den 70er Jahren weit verbreitet in alternativen und progressiven Kreisen, aber ich kann mich nicht mehr entsinnen, ob ich damals darin gelesen hatte. Ein Quäker Freund aus Bern hat mir vor drei Jahren nach einer Retraite das Büchlein unaufgefordert zugeschickt. 

Fromm diskutiert die Liebe aus der Sicht eines Psychoanalytikers und postuliert dann verschiedene Aspekte: die romantische Liebe, die Elternliebe, die Nächstenliebe, die Erotik, aber auch die Eigenliebe und die Gottesliebe. Das Buch erfüllt in keiner Weise, was der Titel “Die Kunst des Liebens” suggerieren könnte: Es ist keine Gebrauchsanleitung des Liebens – Fromm gibt keine “how to” Ratschläge wie ich als Mensch das Lieben lernen könnte. Aber das Buch gibt mir Hinweise, wie ich die Liebe und das Lieben (als aktive, menschliche Tätigkeit und Ausdrucksweise) besser verstehen kann – um Missverständnissen, wie ich sie oben aus eigener Lebenserfahrung erwähnt habe, vor zu beugen.

Die theoretische Abhandlung Fromms über die “Liebe als Antwort auf das Problem der menschlichen Existenz” hat mich nicht sehr angesprochen. Das sieht er psychoanalytisch, kann ich zum Teil zwar intellektuell nachvollziehen, aber damit hat es sich. Der mittlere Teil der Publikation ist dann den “Objekten der Liebe” gewidmet. Schon der erste Satz ist dann wegweisend für mich:

“Liebe ist nicht in erster Linie eine Bindung an eine bestimmte Person. Sie ist eine Haltung, eine Charakter-Orientierung, welche die Bezogenheit eines Menschen zur Welt als Ganzem und nicht nur zu einem einzigen “Objekt” der Liebe bestimmt. Wenn jemand nur eine einzige andere Person liebt und ihm alle übrigen mit Menschen gleichgültig sind, dann handelt es sich bei seiner Liebe nicht um Liebe, sondern um eine symbiotische Bindung oder um einen erweiterten Egoismus.” (p. 58-59)

“…[wenn] man nicht erkennt, dass die Liebe ein Tätigsein, eine Kraft der Seele ist, meint man, man brauche nur das richtige Objekt dafür zu finden und alles andere gehe dann von selbst…” (p. 59)

Fromm beschreibt dann die Nächstenliebe. Damit meint er “ein Gespür für Verantwortlichkeit, Fürsorge, Achtung und “Erkenntnis”, das jedem anderen Wesen gilt, sowie den Wunsch, dessen Leben zu fördern”. 

Die Elternliebe ist dann gemäss Fromm die bedingungslose Bejahung des Lebens und der Bedürfnisse des Kindes. Diese Form von Liebe ist sehr wichtig, denn sie vermittelt einem Kind nicht nur den Willen am Leben zu bleiben, sondern eine eigentliche Liebe zum Leben. Diese Form der Liebe ist eine Ungleichheits-Beziehung: die eine Seite braucht sie, die andere gibt sie. Fromm unterscheidet das im Bezug auf die Nächstenliebe wie auch die erotische Liebe, die Formen der Liebe sind zwischen Gleichwertigen. Das ist demnach auch eine vorübergehende Form, denn wenn das Kind heranwächst und gleichwertig wird, das heisst nicht mehr die Schutzbedürfnisse des hilflosen Neugeborenen hat, muss die Elternseite diese Kraft wandeln können um nicht in die dunkle Seite abzugleiten. Da sieht Fromm auch einen wesentlichen Unterschied zur erotischen Liebe: In der Elternliebe muss sich etwas trennen, das vereint war – in der erotischen Liebe kommen zwei Menschen zusammen die getrennt waren, um eins zu werden. 

Was sich bei der erotischen Liebe auch unterscheidet zur Nächstenliebe und zur Elternliebe, ist der Fokus: Sie ist auf eine bestimmte Person bezogen. Fromm beschreibt es auch als “Verlangen nach vollkommener Vereinigung”. Er geht dann darauf ein, wie diese Form der Liebe sich vom “Sich Verlieben” unterscheidet. Das “explosive Ereignis ‘sich zu verlieben’” beschreibt er kurz als das “plötzliche Fallen der Schranken, die bis zu diesem Augenblick zwischen zwei Fremden bestanden”. Aus dieser Beschreibung wurde mir auch klar, warum das “Sich Verlieben” nicht anhaltend ist: wir bauen ja diese Schranken gegenseitig nicht wieder auf um sie erneut fallen zu sehen…!

In allen meinen bedeutungsvollen Beziehungen basierend auf dem was Fromm erotische Liebe nennt ist dieses Verlangen nach Vereinigung über Zeit gewachsen, es hat sich mir nicht sofort und strahlend offenbart.

Die sexuelle Begierde ist ein kräftiger Wunsch nach Vereinigung, mit einer starken verkörperten Komponente. Doch die Liebe ist nur eine von vielen Auslösern für dieses Verlangen. Erotische Liebe ist geprägt von Zärtlichkeit (und nicht von Gier oder dem Wunsch “zu erobern oder sich erobern zu lassen”), doch die Zärtlichkeit (im Umgang, mit einem Spektrum von körperlichen und nicht-körperlichen Formen) ist auch ein Charakteristikum und Ausdruck der Nächstenliebe.

Deshalb kann die Pflegearbeit auch eine sehr zärtliche Umgangsform sein, basierend auf Nächstenliebe und sorgfältig abgegrenzt von der erotischen Liebe oder der Elternliebe (eine Ungleichheits-Beziehung – etwas, das im Helfersyndrom dann zum Problem wird).

Im weiteren äussert sich Fromm dann zur Selbstliebe, die er klar abgrenzt von Narzissmus und Selbstsucht, die in der heutigen Gesellschaft als kräftige Marktmechanismen gefördert werden.

“Echte Liebe ist Ausdruck inneren Produktivseins und impliziert Fürsorge, Achtung, Verantwortungsgefühl und “Erkenntnis”. Sie ist kein “Affekt” in dem Sinn, dass ein anderer auf uns einwirkt, sondern sie ist ein tätiges Bestreben, das Wachstum und das Glück der geliebten Person zu fördern. Dieses Streben aber wurzelt in unserer eigenen Liebesfähigkeit.” (p. 73)

Die Gottesliebe ist dann ein Streben nach Einheit, das aus unserer existenziellen Erfahrung des Getrenntseins entspringt. Je mehr wir uns loslösen, von der Mutter, der gesellschaftlichen Zwängen, der harten Arbeit, der Natur, etc. desto grösser scheint dieses Verlangen nach Einheit sich zu formen (vielleicht heutzutage ausgedrückt in der vermehrten Suche nach dem Sinn des Lebens, nach Wellness, etc, das ja sehr sichtbar ist, oder auch ausgedrückt wird in der Beliebtheit von Massenveranstaltungen wie Sport oder Konzerten oder populistischen Bewegungen auf der politischen Ebene). Fromm hat sein Buch 1956 verfasst, und er verwendet dann zwanzig Seiten um sich mit Gott und der Existenz des Göttlichen auseinander zu setzen. Wenn ich Fromm richtig verstehe, so postuliert er, dass Gottesliebe ist wie ein Spiegel: Das Menschen- und Gottesbild eines Einzelnen sind sehr stark verlinkt, und entsprechen der jeweiligen (psychologischen und sozialen) Entwicklungsstufe, die der/die Einzelne erreicht hat. Gott kann wie eine Mutter sein, von der man abhängig ist; Gott kann auch ein Gegenüber sein, dem man sich auf Augenhöhe und als Teil des Grossen Ganzen zugehörig fühlt (wie zum Beispiel die Mystiker). 

Für mich ist Gott nicht der Gott einer bestimmten Kirche oder einer bestimmten Glaubenslehre, also weder Gott Vater, der Allmächtige, noch das buddhistische Nichts, oder die hinduistische Vielfalt an Figuren. Ich bezeichne heute in meinen Texten zur Andacht Gott als DAS ALLESLIEBENDE, also nicht personifiziert, ohne Bart und Schnäbi. Diese Kraft ist für mich unmittelbar erfahrbar, auch in der Begegnung mit anderen Menschen, die genau so wie ich ein Teil dieses Göttlichen sind und die den Funken in sich tragen (auch wenn es manchmal schwierig sein kann, diesen Funken zu erkennen). Gott ist aber auch in der Stille, einem Ort aus dem ich Kraft und Erkenntnis schöpfen kann.

“Gott,

lass mich deutlicher schweigen,

denn ich höre nicht gut.”

Frei nach Psalm 119: “Die Herrlichkeit des Wortes Gottes”

(eigener Wortbeitrag während einer Quäkerandacht anlässlich der SYM Retraite in Montmirail am 12. Februar 2017)

Den Rest des Buches widmet Fromm der “Liebe und ihrem Zerfall in der heutigen westlichen Gesellschaft”, eine Analyse, die in den 50er Jahren geschrieben wurde, aber nichts an Aktualität verloren hat, sondern vielmehr – in meiner Einschätzung – an Intensität zugenommen hat. 

Mit einem solchen Text lässt sich nichts beweisen, auch nicht alles erklären, doch mir hat die Lektüre geholfen, meine eigenen Gedanken, Eindrücke und Lebenserfahrungen zu sortieren und tiefere “Erkenntnis” zu gewinnen.

2.1.3. Die Liebe leben

Ein zweites Buch, das bei mir seit einigen Monaten herum liegt und in dem ich intensiv gelesen habe, ist eines von Richard Rohr, einem amerikanischen Mönch, der sich intensiv mit der Spiritualität des Franz von Assisi auseinandersetzt. Das Buch heisst: “Die Liebe leben – was Franz von Assisi anders machte.” Fromm hat sich analytisch mit der menschlichen Tätigkeit des Liebens auseinander gesetzt; Rohr bemüht sich an Hand eines historischen Vorbildes zu zeigen, wie ich als Einzelner und als Teil der Gesellschaft vom grossen göttlichen Prinzip her die Liebe in den konkreten Alltag und Umgang mit den Mitmenschen und der Schöpfung umsetzen kann.

Was Rohr beschreibt, ist das Eins werden, die radikale Umsetzung der Gottesliebe im Hier und Jetzt. “Das Universum ist eins, und es ist heilig, und wir alle sind ein Teil davon… Die Erkenntnis, dass das Konkrete uns für das Universelle öffnet, ist möglicherweise der einzige ganz und gar vertrauenswürdige Weg… wir müssen alle mit unseren konkreten Erlebnissen anfangen” (p.23). So folgert Rohr, dass “wenn wir bereit sind, ja begierig bereit zur Liebe sind, können wir die Liebe und Güte in der Welt um uns herum sehen” (p. 26). Wir müssen alle Aspekte unseres Lebens durchdringen lassen von Gott – eben von der Liebe.

Das tönt jetzt sehr abstrakt. Franz von Assisi war kein gebildeter Mann, aber er hatte eine grosse Gabe der Intuition. Er hat deshalb keine analytischen Bücher geschrieben wie Fromm, dafür hat er der Welt von damals in radikaler, zumal schockierender Weise vorgelebt was er erkannt hat. Er hat die Nächstenliebe gelebt, in dem er die geringsten in der Gesellschaft von damals als seine Brüder und Schwestern anerkannte und sich zu ihnen gesellte, sich mit ihnen solidarisch verband. Er legte alles ab, was ihn materiell daran hinderte, eins zu werden mit den Schwächsten. Damit erfüllte er auch die Elternliebe, denn sein Reichtum war hinderlich für die Unterprivilegierten; dadurch demonstrierte er die bedingungslose Bejahung des Lebens und der Bedürfnisse des Armen. 

Franziskus verkörperte auch die erotische Liebe in seiner Beziehung zu Clara, ohne dass er sich dabei der sexuellen Begierde hingegeben haben soll (ein Annahme, die weder dokumentiert noch widerlegt ist). Aber er hat sich zeitlebens mit Clara vereinigt im Geiste, in seiner inneren Haltung, in seinem Engagement; er war ihr hingegeben, und liess sich auch zärtlich pflegen von ihr. Sie haben gegenseitig gegeben und empfangen. Die beiden haben sich zum einem Ganzen ergänzt. Rohr schreibt, dass die beiden eine derartige Lust hatten zu lieben, dass sie die erotische Energie auf eine ganz andere Weise verkörperten als nur durch körperliche Sexualität. Da sind wir dann wieder bei der Frage, was den Unterschied macht zwischen Creme einreiben und Creme einreiben!

Was Franz von Assisi in seinem Leben zu kurz hat kommen lassen, und er ist vor seinem Tod noch zu dieser Einsicht gekommen, ist die Selbstliebe. Er hat sich oft bewusst gegen seine eigene Körperlichkeit entschieden, durch Fasten, durch seinen radikalen Lebensentwurf. Er war so besessen vom Wiederaufbau des Hauses Gottes in der damaligen Welt, dass er seinen eigenen Körper als Träger eben dieses Funkens, vernachlässigte – etwas das er am Ende bereute.

“Liebe ist erst dann wahrhaftige Liebe, wenn sie nicht mehr erwarten, etwas zurück zu bekommen. Im Moment, da sie eine Gegengabe erwarten, wird jede Liebe geschwächt und prostituiert sich” (p. 202-203). Und als religiöser Mensch befasst sich Rohr auch mit dem Sterben. Auch das sieht er als eine Funktion der Liebe: “wir sind erlöst, wenn wir im Kreislauf des Lebens und der Liebe bleiben und nicht abseits oder darüber stehen. Diese eine Liebe wird sie hinüber geleiten und tragen wenn sie sterben. Wenn sie schon hier in diesem Leben in der Liebe zu Hause sind, werden sie bereitwillig ins ewige Zuhause der Liebe hinüber gehen…” (p. 204). Ein starkes Plädoyer für Versöhnungsarbeit und eine solide Grundhaltung im hier und jetzt.

Auch dieses Buch ist kein “how to” Ratgeber, mehr eine Quelle der Inspiration, eine fortlaufende Aufforderung, mich selbst und meine Haltungen und Aktionen in der Welt kritisch zu hinterfragen; aber auch offen zu sein für das scheinbar Unmögliche.

Advertisements

One thought on “2.1. Grundverständnis

  1. Danke für diesen eindrücklichen Text, das ist “Denkfutter” für eine Weile. Danke auch dass du mir Erich Fromms “Kunst des Liebens” in Erinnerung gerufen hast, das Buch steht seit ich es in der Schule las unberührt in meinem Regal, Zeit es mal wieder hervorzunehmen. Und auch danke für den Buchtipp – das Buch von Richard Rohr klingt sehr lesenswert!

Help make this blog a dia(b)logue! - Ich lade dich ein mitzuschreiben!

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.