Betrachtung zur Fastenzeit #3

Passionszyklus (Vor dem Hohen Rat), Kirche Tenna, GR, um 1408, unbekannter Künstler
Passionszyklus (Vor dem Hohen Rat), Kirche Tenna, GR, um 1408, unbekannter Künstler

Ein  bewachter Mann mit verschränkten Händen; andere die über ihn sprechen oder verhandeln, mit Fingern zeigend. Es ist ein klarer Klassenunterschied sichtbar: der eine barfuss, der andere mit Insignien ausgezeichnet. Die Körperhaltung des einfachen Menschen drückt Selbstsicherheit aus; der Mächtige hingegen hat ein fragendes Gesicht und scheint sich nach vorne zu beugen um seinen Standpunkten mehr Gewicht zu verleihen.

  • Wie stehe ich Autoritäten gegenüber?
  • Wie weiss ich, dass das was ich glaube wahrhaftig ist?
  • Woher habe ich die Kraft unter Druck und fremdem Einfluss mich zu meinen eigenen Lebenseinstellungen und Überzeugungen zu bekennen ohne andere in Frage zu stellen oder an zu greifen?
  • Wie kann ich für meine Überzeugungen gerade stehen wenn ich kritisiert oder missverstanden werde?
  • Wem fühle ich mich verpflichtet wenn es mir an den Kragen geht? Wie weit bin ich bereit Kompromisse einzugehen um Konsequenzen zu vermeiden?

Diese Szene aus dem Passionszyklus in der Kirche von Tenna zeigt wie Jesus von den Soldaten dem hohen Rat, einer kirchlichen Autorität vorgeführt wird. Jesus steht leicht gebeugt da, demütig. Er ist alleine. Sind seine Hände gebunden? Die Bewacher um ihn herum sehen bedrohlich aus, zeigen zum Teil aggressive Gesichtsausdrücke. Einer zieht Jesus am Haar. Die meisten Soldaten blicken zur Autorität hin, auf Bestätigung wartend. Der Hauptmann zeigt beschuldigend auf Jesus. Die Autoritätsfigur und der Berater in seinem Rücken sehen fragend aus, mit einem Anflug von Unverständnis. Ihre Blicke zeigen genau so auf Jesus wie die Finger der Soldaten. Jesus wirkt ruhig, geduldig, und gesprächsbereit. Er muss sich nicht verteidigen.

Inspirierend für mich ist in dieser Szene die ausgestrahlte Ruhe trotz der aussichtslosen und bedrängten Situation. Jesus weiss wo sein Fundament ist, dass er auf dem Boden der Realität steht und gleichzeitig spirituell getragen ist. Er muss nicht nach einem Ausweg suchen, braucht auch keine Referenzen die für ihn bürgen. Sein Zentrum der Kraft trägt er in sich, unsichtbar für jene die sich mit Äusserlichkeiten auszeichnen.

Gleichzeitig steht die Jesusfigur auch als ruhendes Zentrum in Mittelpunkt der dargestellten Szene. Das ist vom unbekannten Künstler symbolträchtig konzipiert worden. Ich erkenne die Situation, in der ich wegen meinen Haltungen und Überzeugungen befragt, in Frage gestellt, kritisiert, beschuldigt oder angefeindet werde. Ich kenne auch die Sehnsucht, zu wissen und zu spüren, dass ich auf meinem Weg bin, dass ich wahrhaftig meiner Berufung folge. Wie oft werde ich durch andere Meinungen und Einflüsse verunsichert? Wie oft erzähle ich eine Begebenheit so, wie ich erwarte dass es dem Zuhörer zusagt und nicht so wie ich es erlebt habe? Wie oft geschieht es dass ich unter Druck meine Überzeugungen beschönige mit Halbwahrheiten, nur dass die Seite die mit bedrängt zufrieden ist und Ruhe gibt?

Der hohe Rat vertritt Wissen, Recht, und Macht. Damit andere das auch sehen können, trägt er aufwändige Kleidung, eine spezielle Kopfbedeckung und einen Stab. Doch als Mensch ist er hier nicht sehr souverän dargestellt. Für mich sind sein Äusseres und sein Inneres nicht kongruent.

Es ist schön zu sehen, dass Jesus nicht zu den bekannten Verhaltensmuster der Verteidigung greifen muss: Er muss nicht beweisen, dass er Recht hat. Er muss die andern nicht überzeugen, dass sie von falschen Annahmen ausgehen. Er kann die Differenzen stehen lassen, auch wenn das bedrohlich ist. Er erkennt genau wer hier die Macht und die Mittel zur Gewaltanwendung hat. Mit Liebe und Demut steht er da für die Wahrhaftigkeit.

Hier noch die Textstelle aus der Bibel die in der oben stehenden Szene dargestellt ist:

Jesus vor dem Hohen Rat (Lukas 22:66-71)

66 Und als es Tag ward, sammelten sich die Ältesten des Volks, die Hohenpriester und Schriftgelehrten und führten ihn hinauf vor ihren Rat 67 und sprachen: Bist du Christus, sage es uns! Er aber sprach zu ihnen: Sage ich’s euch, so glaubt ihr’s nicht;  68 frage ich aber, so antwortet ihr nicht und laßt mich doch nicht los. 69 Darum von nun an wird des Menschen Sohn sitzen zur rechten Hand der Kraft Gottes.  70 Da sprachen sie alle: Bist du denn Gottes Sohn? Er aber sprach zu ihnen: Ihr sagt es, denn ich bin’s. 71 Sie aber sprachen: Was bedürfen wir weiteres Zeugnis? Wir haben’s selbst gehört aus seinem Munde.

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Die weiteren Betrachtungen zu den zehn Szenen, die im Verlauf der Fastenzeit publiziert werden, können hier gefunden werden: Betrachtungen zur Fastenzeit

Hier ist noch der ganze Zyklus im Zusammenhang:

(photo credit: Foto-Kunst Andreas Keller, kirchen-online.org)

One thought on “Betrachtung zur Fastenzeit #3

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