Betrachtung zur Fastenzeit #4

Passionszyklus (Geisselung), Kirche Tenna, GR, um 1408, unbekannter Künstler
Passionszyklus (Geisselung), Kirche Tenna, GR, um 1408, unbekannter Künstler

Ein beinahe entkleideter Mann, an eine Säule gebunden, umgeben von vier Männern die auf ihn ein zu wirken scheinen. Sie sehen bedrohlich aus oder schauen anteillos zu. Obwohl keine offensichtliche Gewaltanwendung und Blut dargestellt sind, versteht der Betrachter die körperliche und seelische Misshandlung. Der Körper sieht unversehrt aus, auf dem Gesicht kein Ausdruck von Schmerz oder Leiden.

  • Wie kann ich trotz scheinbar entgegen gesetzten äusseren Einwirkungen meine Eigenartigkeit bei behalten?
  • Wie weit akzeptiere ich den Körper als Teil von mir mit dem ich Lust und Schmerz, Krankheit und Wohlbefinden, sowie altersabhängige Veränderungen erfahre?
  • Wie weit verstehe ich mich als Leidender, als Opfer, in dieser Welt? Wie finde finde ich Wege zu handeln, selbst wenn mir die Hände gebunden sind?

Diese Szene aus dem Passionszyklus in der Kirche von Tenna zeigt Jesus beim Verhör durch die religiösen Autoritäten. Er wird verspottet für seine Andersartigkeit und seine Weltanschauung. Die Evangelisten beschreiben die Geschichte mit verschiedenen Schwerpunkten. Matthäus und die synoptischen Evangelien beschreiben eine handfeste Verhöhnung Jesu.  Die Geisselung, wie sie der Tenner Künstler darstellt, habe ich nur bei Johannes erwähnt gefunden.

Bei der Betrachtung dieses Bildes habe ich weniger mit der dargestellten Szene der Demütigung verweilt. Vielmehr überlegte ich mir wie wir heute zu unserem Körper stehen. Den Menschen wird ein Idealbild suggeriert, und jede Abweichung davon ist entweder krankhaft oder belastet mit Schuld. Selbst das älter werden ist heute als etwas zu verhinderndes eingestuft. Ich habe mich anderswo schon mit dem Thema Gesundheitswahn auseinander gesetzt.

Ich finde es wichtig, dass ich in der heutigen Welt wo ich so vielen Dingen auf virtuelle Weise begegnen kann, ein gesundes Verhältnis zu Verkörperungen und damit zur Realität bewahre. Es ist einfach, zum Beispiel in einem Spiel Kreaturen umzubringen oder sich selber sterben zu lassen; ich kann mich emotionell vollständig abtrennen von der virtuellen Handlung und erfahre keine der Konsequenzen. Dennoch bleibt es eine gewaltsame Haltung die so verharmlost und verniedlicht wird. Das Leiden der Menschen wird dadurch nicht verringert oder eliminiert.

Hier noch die Textstelle aus der Bibel die in der oben stehenden Szene dargestellt ist:

Jesus vor dem Hohen Rat (Matthäus 26:65-68)

 65 Da zerriß der Hohepriester seine Kleider und sprach: Er hat Gott gelästert! Was bedürfen wir weiteres Zeugnis? Siehe, jetzt habt ihr seine Gotteslästerung gehört.  66 Was dünkt euch? Sie antworteten und sprachen: Er ist des Todes schuldig!  67 Da spieen sie aus in sein Angesicht und schlugen ihn mit Fäusten. Etliche aber schlugen ihn ins Angesicht  68und sprachen: Weissage uns, Christe, wer ist’s, der dich schlug?

Jesu Geißelung und Verspottung (Johannes 19:1)

Da nahm Pilatus Jesum und geißelte ihn.

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Die weiteren Betrachtungen zu den zehn Szenen, die im Verlauf der Fastenzeit publiziert werden, können hier gefunden werden: Betrachtungen zur Fastenzeit

Hier ist noch der ganze Zyklus im Zusammenhang:

(photo credit: Foto-Kunst Andreas Keller, kirchen-online.org)

One thought on “Betrachtung zur Fastenzeit #4

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