Gesundsheitswahn – Ein Krieg gegen die Ganzheitlichkeit

„Healthism“ (aus dem Englischen und ungefähr mir Gesundheitswahn übersetzbar) ist eine ganzheitliche Ideologie die darauf aufgebaut ist das jedeR Einzelne, auf der Grundlage von bewussten Entscheidungen, verantwortlich ist für ihre/seine Gesundheit und Wohlergehen. Gesundheitsvorsorge ist mitunter ein wichtiger Teil dieser Ideologie. Healthismus ist eine Kulmination von individualistischen und konsumorientierten Gedankenwelten, die den eigenen Körper ins Zentrum stellt für alle Wertüberlegungen und Entscheidungen. Gesundheit – in der Form eines eng definierten medizinischen Standards – und Schönheit – ausgedrückt in der äusserlichen körperlichen Erscheinung – werden somit die wichtigsten Indikatoren für das persönliche Wohlbefinden. Dazu kommt noch, dass in dieser Denkweise die natürliche Umwelt als konstante Bedrohung für die menschliche Gesundheit und das Wohlergehen angesehen werden. Gesellschaft und Kultur werden beinahe bedeutungslos in dieser Vorstellung von Gesundheit.

Pfarrkirche in Vrin, GR, Switzerland: Gedenkstätte für die Pestopfer - Memorial for the victims of the Black Death.
Pfarrkirche in Vrin, GR, Switzerland: Gedenkstätte für die Pestopfer – Memorial for the victims of the Black Death.

Healthismus ist eine Ausdruck von extremen Privilegien. Die Ideologie macht uns vor dass wir die Schöpfer unseres Schicksals und unserer Bestimmung sein können. Der freie Markt beliefert die Menschen, die es sich leisten können, mit allem was sie brauchen um schön und gesund zu sein. Auf der Basis des Health Belief Modells wird uns glaubhaft gemacht, dass wir gewollt und mit einfachen Mitteln Krankheiten und das Kranksein vermeiden und verhindern können – was dazu führt, dass wir so langsam mit der Illusion leben, dass wir körperliche und geistige Perfektion, wie auch ein ewiges Leben, anstreben können: Das einzige was wir dazu brauchen sind wissenschaftliche Erkenntnis und das persönliche Verantwortungsbewusstsein und die Disziplin solche Erkenntnis umzusetzen. Es ist ein Krieg gegen die Vielfalt und das Altern – ein Streben nach ewiger Jugend und dem Bezwingen des Todes.

Alle körperlichen Funktionen und Bauteile werden abgegrenzt, reduziert, und einzeln betrachtet. Wir suchen nach direkter Ursache und Wirkung: Ich drücke einen Knopf und die gewünschte Wirkung ergibt sich, vorhersehbar und augenblicklich. Das macht den Verkauf von Vitaminen, Spezialnährstoffen, Geräten, Mitgliedschaften in Fitnessklubs und Wellness Angeboten so ertragreich.

Dadurch werden die Menschen so eingenommen und besessen von ihrem persönlichen Wohlbefinden dass es ihnen schwer fällt eine Ganzheitlichkeit zu bewahren – und letztendlich auch ihre Heiligkeit. Jede Woche werden neue Studien publiziert die neueste Erkenntnisse der Wissenschaft im Bezug auf ein langes und gesundes Leben propagieren. Das scheint mir wie eine Manipulation eines Wunschdenkens zu sein – eine Steuerung menschlichen Verhaltens das ermöglicht wird durch ein komplexes Überzeugungssystem das die Vorstellungen des Konsumenten nach den Bedürfnissen der Marktwirtschaft formt.

Doch, würden wir allen veröffentlichten Erkenntnissen nachleben, würde einem das Leben verunmöglicht: Es wäre nicht praktikabel alle empfohlenen Nährstoffe zu schlucken und alle Fitness Techniken zu beherrschen und gleichzeitig alles was für unsere Körper als schädlich erkannt wurde zu vermeiden.

Martin Heidegger hat in seiner Veröffentlichung Die Frage nach der Technik schon erwähnt, dass Menschen zu Rohmaterialien transformiert werden, die in technischen Prozessen gebraucht werden können. Er erwähnt auch, dass die Gefahr besteht wenn jemand sein Dasein als die einzige Realität betrachtet die Verbindung mit dem Sein verloren gehen kann – und sich damit vom Sinn und von der Bedeutung seines Wesens trennt.

Übertragen auf den Healthismus heisst das, dass diese zwanghafte Beschäftigung mit dem persönlichen und erkaufbaren Wohlergehen eine bedeutungsvolle und tiefere Auseinandersetzung mit der Welt um uns herum ausschliesst. Es verhindert die menschliche Kapazität jenseits des Konsumierens als soziales Wesen zu handeln und kreiert deshalb ein eindimensionales menschliches Wesen.

Healthismus hat auch eine starke moralische Komponente. Mit diesem Kampf gegen Krankheit und Kranksein wird es einfach, Schuld zu zu weisen. Es scheint sofort ersichtlich, wer das rechte Verhalten im Leben gewählt hat und wer nicht: eine Person die krank wird oder die an Gewicht zunimmt muss unweigerlich etwas falsch gemacht haben. Also gilt das als persönliches Makel und Fehlhandlung. Punkt. So sind wir schon sehr nahe an einer religiösen Vorstellung von einem strafenden Gott und dem Diskurs von Sünde und Erlösung.

Ganzheitlichkeit kommt nicht vor in einer Kultur die auf Beschämung basiert. Ganzheitlichkeit ist Liebe und Verbundenheit.

Das Altern und das Sterben sind unabdingbare Aspekte des Lebens. Genauso wie Kranksein und Krankheit. Die meisten Krankheitserreger sind genauso Teile der Schöpfung wie es die Menschen sind. Eine wichtige Frage für mich ist wie wir der Schöpfung als Ganzes Sorge tragen und wie wir uns um unsere Gesundheit im Speziellen sorgen. Anstatt jeder einzelnen Krankheit den Kampf an zu sagen, wäre es angebrachter ein guter Gastgeber zu sein; wir könnten zum Beispiel akzeptieren dass wir zum  Heilen der meisten Virus Krankheiten einfach dem Körper die notwendige Ruhe geben müssten. Die Menschen haben ein Immunsystem das geschaffen wurde um uns gesund zu erhalten; doch die Menschheit hat Umweltbedingungen geschaffen, die die natürlichen Kapazitäten dieses Immunsystems überfordern: Umweltverschmutzung, Dauerstress, und Überstimulation um nur einige zu nennen.

Als Mitglied der Religiösen Gesellschaft der Freunde geht es mir darum Gottes Wille zu ergründen und mein Leben in dieser Welt auf Grund dieser Berufungen einzurichten. Ich zweifle daran, dass das Streben nach Perfektion in der äusserlichen Erscheinung und ein Leben ohne Krankheit einem Gott gewollten Leben entspricht. Ich fühle mich eher berufen mir zu überlegen wie meine Handlungen im Alltag verbunden sind mit den Sorgen und dem Notständen an denen andere Wesen auf dieser Welt leiden. Ich bin gerufen zur Einfachheit, zur Bescheidenheit; die Vitamine die ich zum Leben brauche kommen von frischen Früchten und nicht aus synthetisierten Produkten. Ich glaube das war Gottes Absicht vom Anfang an.

Ich weigere mich, das Paradigma des Gesundheitswahns zu fördern. An seiner Stelle beziehe ich mich auf eine Definition von Gesundheit, die aus der Erfahrung der Cree-Indianer beschrieben ist: Gesundheit ist ein komplexer, dynamischer Prozess der zu tun hat mit sozialen Beziehungen, dem Land, und der kulturellen Identität. Diese sind verbunden in der Lebensqualität. In diesem Sinne kann ich zur Ganzheitlichkeit und zum Wohlergehen aller beitragen.

This Nestilik Inuit elder feels well despite his chronic illnesses and age because he engages meaningfully with the world around him (building a komatik for his son's hunting trips)  - Diese alte Netsilik Inuit fühlt sich wohl trotz chronischer Krankheit und Altersgebrechen weil er sich bedeutungsvoll mit der Welt um sich herum beschäftigt (Bau eines Qamutiq Schlittens für die Jagdexpeditionen seines Sohnes)
This Nestilik Inuit elder feels well despite his chronic illnesses and age because he engages meaningfully with the world around him (building a komatik for his son’s hunting trips) – Dieser alte Netsilik Inuit fühlt sich wohl trotz chronischer Krankheit und Altersgebrechen weil er sich bedeutungsvoll mit der Welt um sich herum beschäftigt (Bau eines Qamutiq Schlittens für die Jagdexpeditionen seines Sohnes)

For an English version of this article, please click here: Healthism – a war on wholeness

Dieser Artikel wird in der Zeitschrift Canadian Friend, 2014 #1, publiziert.

4 thoughts on “Gesundsheitswahn – Ein Krieg gegen die Ganzheitlichkeit

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