Mariä Himmelfahrt?

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Tizian (um 1516), Mariä Himmelfahrt (photo credit: Wikimedia.org)

Heute sind wir hier versammelt, um das Fest Mariä Himmelfahrt zu feiern:

Viele Leute fahren am einem Festtag vielleicht ins Tessin, …Umweltbewusste fahren mit dem Zug, …andere fahren auf etwas Bestimmtes ab. Aber “himmelfahren” ist nicht mehr etwas allgemein Verständliches in meinem Sprachgebrauch.

Die leibliche Aufnahme Marias in den Himmel, wie sie lange im Verständnis des gläubigen Volkes verankert war und bildlich dargestellt ist zum Beispiel am Hochaltar der Kapuzinerkirche Schwyz, ist erst vor wenigen Jahrzehnten als Glaubenssatz der katholischen Kirche festgelegt worden (Papst Pius XII, 1950).
Für den Maler war die Szene wohl ein Ausdruck der Wertschätzung und Anerkennung für eine aussergewöhnliche Frau, für die Mutter des historischen Jesus – ein Ausdruck für die erlebte Heiligkeit Marias.

Die Heiligkeit ist im Christentum ein Ort wo das Profane und das Sakrale zusammenkommen, “eine religiöse Erfahrung, die auf der Annahme beruht, dass die ausserordentlichen Kräfte, die ein Mensch besitzt, ihr oder ihm besondere religiöse Autorität verleiht” (Filoramo, 2013)

Im heutigen Evangeliumstext (Lukas, 1.46-55) lesen wir die Worte des Magnifikats, ein Auszug aus einem Gespräch das Maria und Elisabeth seit 2000 Jahren zugeschrieben wird. Als unbedeutende Frau sieht sich Maria auserwählt ein Kind aus zu tragen, das auch Gottes Sohn genannt werden wird. Also, eine verinnerlichte/verkörperlichte Erfahrung der Vereinigung des Profanen und Sakralen.

Meines Erachtens teilt Maria im Magnifikat eine ganz persönliche Gotteserfahrung mit Elisabeth. Doch die Worte, die uns Lukas überliefert, berühren mich als altmodisch befremdend; und ich hatte mich immer wieder gefragt, wie eine Frau von heute sinngemäss ausdrücken würde was Maria sagen wollte.

Heute sind die Leute selbstbewusster. Sie bezeichnen sich kaum mehr als Mägde und Knechte, diesen Bezeichnungen scheint etwas Abschätziges anzuhaften; Mächtige sitzen nicht auf einem Thron, sondern vielmehr auf den Bürosesseln einer Chefetage; Hungernde werden jedes Jahr mehr in dieser Welt, und selbst eine Vielzahl von privaten und staatlichen Hilfsorganisationen vermögen den Trend nicht ändern; und die Medien berichten dass die Reichen jedes Jahr wohlhabender werden und sich die ökonomische Schere weiter öffnen wird. Israel ist weit weg und ein globaler Krisenherd. Wie viele von uns identifizieren und erkennen sich als die Samen Abrahams?

Also scheint alles was Maria vor langer Zeit über Gott bezeugte mir nicht wirklich fassbar zu sein. Ich sehe auch in der Geschichte seither wenig Anhaltspunkte für eine Erfüllung dieser Vision von einer besseren Welt und mehr sozialer Gerechtigkeit.

Die Heiligkeit Marias besteht ja nicht darin, dass sie sich als Frau bedingungslos unterwürfig zeigt, auch wenn das in vielen Gesellschaften und Epochen eine machtvolle Männerfantasie bleibt. Die passive Rolle, wo „der Mächtige Grosses an ihr hat getan“ erblasst vor einer aktiveren Lebenseinstellung.

Eine Frau wie Maria wirkt für mich viel kraftvoller, wenn sie bescheiden eigene Schwächen erkennt, aber auch ihre Handlungsfähigkeit und ihr Wille Gott zu dienen anerkennt. Im Alltag bewusst „ja“ zu sagen zu Gottes Wille, das Sich-Hingeben in eine Berufung, die Liebe allen Mitmenschen und Mitgeschöpfen gegenüber vorleben, definiert eher eine Form der Heiligkeit; selbst wenn uns menschliche Schwächen daran hindern das vollkommen zu praktizieren.

Diese aktive Haltung versteht sich auch besser mit meinem Gottesbild, das vom Alles-Liebenden ausgeht; ganz im Unterschied zum Allmächtigen. Denn Macht muss erduldet und, weil sie oft mit Gewalt einhergeht, erlitten werden. Liebe, auf der anderen Seite, wird erfahren, nährt den Menschen, und fördert Gemeinschaft.

Ein beseelter und begeisteter Mensch ist mehr als ein höriger Konsument. Ein aktiver Mensch dient zum Wohle des Gemeingutes; sie ist engagiert. Damit verringern wir die Kontrolle durch die Machtbesessenen und bekräftigen das Liebende, das Göttliche.

Das Alles-Liebende ist auch die Quelle der Barmherzigkeit, die im Magnifikat angesprochen ist. Und zwar für alle Menschen, und nicht nur für Israel. Der Quellentext wurde in einem sehr spezifischen kulturellen Kontext und Auftrag geschrieben worden.
Doch heute leben wir in einer globalisierten Welt. Nationalistische oder ethnisch-kulturelle Ausgrenzungen muss ich kritisch hinterfragen. Denn Gott hat Menschen geschaffen, alle gleich, als Mann und Frau, und jeder Mensch trägt den göttlichen Funke in sich.

So schlage ich für mich eine neue Fassung des Magnifikats vor:

„Meine Seele erhebt die Schöpferkraft, *
 und mein Geist freut sich über Gott, meinen Beistand;

 Ich muss Gott nicht fürchten *
 wegen meiner menschlichen Schwächen;

 Ich kann und will gottesfürchtig sein *
 mit meinen Stärken, umgeben von Gottes Liebe,

 damit ich Zeugnis ablege für Gott *
 und als Vorbild diene allen Menschen.

 Gottes Barmherzigkeit währt von Generation zu Generation über alle, *
 die Gottes Wille suchen.

 Gottes Kraft schafft Grosses: *
 Verschwenderische finden keine Bedeutung in ihrem Tun;

 Machtbesessene verlieren ihren Einfluss *
 und Dienende werden anerkannt;

 Bescheidene werden mit Zufriedenheit gesättigt *
 und Gierige bekommen nie genug.

 Gott hat sich aller Menschen angenommen, *
 um der Barmherzigkeit zu gedenken,

 die uns zusteht vom Anfang an *
 und bis in alle Zukunft!“

…Mit diesen Worten kann mir Maria als vorbildliche Frau, als verkörperte Heiligkeit, auch heute noch „einfahren“. Denn ihre aussergewöhnliche Kraft und spirituelle Autorität wirkt heute noch auf viele Gläubige im Christentum und im Islam gleichermassen.

Ich wünsche allen ein inspirierendes und gesegnetes Fest.

*

Fürbitten:

Wir bitten an diesem Festtag um die Kraft,

  • die Orte in unseren Leben zu finden wo das Profane und das Sakrale zusammenkommen.
  • trotz unserer menschlichen Schwächen aktiv stets nach dem göttlichen Willen zu suchen.
  • das Vorbild Marias ernst zu nehmen damit wir die Liebe die wir erfahren auch bedingungslos weiter geben können um Gemeinschaft und Frieden zu fördern.
  • vermehrt das Mütterliche in uns wahr zu nehmen so dass wir dienen können zum Wohle von allen.
  • durch unsere Handlungen und Haltungen unseren Glauben zu bezeugen.

Damit auch wir heute und an jedem Tag Zeugnis ablegen können für die bedingungslose Liebe Gottes,

Amen.

(Gedanken beigetragen zum Gottesdienst vom 15. August 2013 in der Klosterkirche der Kapuziner in Schwyz)

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