Ausgrenzung, Unterdrückung, und Widerstand (+en)

(English translation below)

Bei der Ankunft im ehemaligen Kapuziner Kloster, dem heutigen Haus der Gastfreundschaft, ist eine grosse, steinerne Gedenktafel sichtbar. Obwohl die Tafel in erster Line auf die Baugeschichte des historischen Gebäudes verweist, lässt sich aus dem ersten Satz viel Vorgeschichte heraus lesen:

Sunnehuegel7

„Zur Beruhigung der bitteren Untertanen schickte nach dem Bauernkrieg von 1653 der Rat von Luzern die Kapuziner nach Schüpfheim und erbaute ihnen auf eigene Kosten hier, wo bisher ein Galgen mit Überresten hingerichteter Bauernführer stand, Kirche und Kloster. 

Der Bauernkrieg war ein Aufstand der rechtlosen Landbevölkerung. Die Bauern hatten genug von der politischen Bevormundung und der wirtschaftlichen Ausbeutung und Benachteiligung durch die mächtigen Stadtherren. Einer der Auslöser für die Aufruhr von 1653 war die einseitige und im Geheimen beschlossene Abwertung von kantonalen Fremdwährungen. Bevor die wirtschaftliche Sondermassnahme zur Stärkung der Staatsfinanzen in Luzern veröffentlicht wurde, bezahlte das Finanzamt sämtliche Forderungen der ländlichen Bevölkerung in Münzen der betroffenen kantonalen Währungen. Damit spürten die Bauern und ländlichen Händler nicht nur Preisdruck, sondern zudem der Verlust der Kaufkraft durch den Währungsverlust.

Eine Vorsprache bei der Obrigkeit scheitert durch eine Einschüchterungstaktik der Machthaber. Daraufhin organisierten die Bauern im Entlebuch eine von der städtischen Behörde nicht bewilligte Landsgemeinde oder Volksversammlung. Die Bauern beschlossen, sich zu organisieren um ihren Anliegen und Forderung mehr Gewicht zu verleihen bei den Patriziern der Regierung in Luzern. Einerseits hatten sie wirtschaftliche Forderung, wie zum Beispiel Steuersenkungen, und den Ausgleich der erlittenen Währungsverluste, so wie das in benachbarten Kantonen geschah. Dazu kamen politische Forderungen, wie die Versammlungsfreiheit, politisches Mitspracherecht, und Ansätze zur lokalen Selbstverwaltung.

Die Stadtstaaten reagierten mit repressiven Massnahmen. Die betroffenen Städte mobilisierten Söldnerheere und eigene Milizen. Verhandlungen waren oberflächlich; abgeschlossene Verträge wurden umgehend von den Machthabern annulliert. Nach der dritten Volksversammlung in wenigen Monaten, woran sich auch die Landbevölkerung benachbarter Kantone beteiligte, beschlossen die Bauern die Anwendung von Gewalt und belagerten die Versorgungsrouten der Städte im Mai 1653. Kurz darauf kam es zu einer vernichtenden Niederlage der amateurhaft ausgerüsteten Truppen der Bauern.

Doch die feudalen Machthaber beschränkten sich nicht auf den militärischen Sieg und die Kapitulationsbedingungen. Die ländlichen Gebiete wurden nun monatelang von Haus zu Haus durchgekämmt. Mit brutaler Gewalt wurden Verdächtige festgenommen, gefoltert, bestraft und hingerichtet. Von diesen staatlichen Vergeltungsmassnahmen zeugen die Galgen und sterblichen Reste der Hingerichteten auf der Anhöhe beim Dorf Schüpfheim.

Der letzte Widerstand einiger Bauernführer bei der brutalen Säuberung des Entlebuchs. Die sogenannten Staatsterroristen kleideten sich wie der schweizerische Befreiungs- und Nationalheld Wilhelm Tell. (photo credit: Gemeinde Hasle)

Der folgende Text aus dem Ratsprotokoll der Stadt Luzern, geschrieben bei der Beschlussfassung für die Finanzierung der Baukosten für das neugegründete Kloster, dokumentiert das Selbstverständnis der feudalen Behörden gegenüber der Landbevölkerung. „das ihr in der liebe, thrüw und gehorsambe gegen uns als üwer von Got gesetzten ordentlichen natürlichen obrigkeit also werdent gestyfft und gevestnet werden, das keiner mehr derglychen leidigen sachen zu erleben haben solle, so uns vor ohngefahr 2 jahre zuegstanden“ („dass ihr in der Liebe, der Treue, und dem Gehorsam gegenüber von uns als euere von Gott gesetzten, ordentlichen, und natürlichen Obrigkeit gestärkt und verfestigt werdet, damit keiner mehr von diesen leidigen Angelegenheit zu erleben haben solle, so wie sie uns vor ungefähr zwei Jahren zustiessen“. 5. September 1654)

Die Kapuzinerbrüder waren also nicht hier angesiedelt um sich um das Wohl einer benachteiligten Bevölkerungsschicht zu kümmern und um ihnen allenfalls spirituelle Begleitung in harten Zeiten zu geben. Vielmehr war die Aufgabe der Brüder, eine gewisse Umerziehung der politischen Einstellung der rechtlosen Landbevölkerung zu fördern um die soziale, politische, und wirtschaftliche Dominanz der feudalen Machthaber zu sichern: „Die frommen Brüder sollen das Entlebuch «in guotem Frid und Ruhwstand» halten und dafür sorgen, dass die «angeborne Lichtfertigkeit» der Entlebucher nicht weiteres «Ungemacht» hervor bringt, sondern «remedirt», geheilt wird, wie es im Ratsprotokoll vom 5. September 1654 heisst (Messmer, p. 15).

Da muss ich mir doch genauer überlegen, wie dieser Auftrag im Einklang stehen könnte mit den Grundsätzen franziskanischer Spiritualität. Die Antwort wird nicht leicht zu finden sein. Fest steht aus geschichtlichen Quellen, dass die Kapuzinerbrüder, trotz des politischen Mandates, sich gut mit der Landbevölkerung des Entlebuchs verstanden. Sie genossen bis zur Auflösung des Klosters in Jahre 1979 oft eine grössere Beliebtheit bei der einfachen Bevölkerung des Tales als die Kantonsregierung im entfernten Luzern. Die demokratischen Forderung auf Mitbestimmung und Rechtsgleichheit aus dem Bauernkrieg bekamen ein Vorzeichen für das Ende des Absolutismus und den langsamen Übergang zu einer demokratischen Staatsform in der Schweiz.

Haus der Gastfreundschaft  im ehemaligen Kapuzinerkloster Schüpfheim - The House of Hospitality in the former Capuchin friary in Schüpfheim, Switzerland.
Haus der Gastfreundschaft im ehemaligen Kapuzinerkloster Schüpfheim – The House of Hospitality in the former Capuchin friary in Schüpfheim, Switzerland.

Welche Bedeutung kann denn diese Verbundenheit mit den tragischen und einflussreichen geschichtlichen Ereignissen heute, 360 Jahre später, noch haben für die Bewohner des ehemaligen Kapuzinerklosters? Ich sehe da zwei Aspekte, die sicher gewisse Parallelen zur Geschichte des Bauerkrieges aufweisen, für die Sunnehügel Gemeinschaft.

Erstens bietet das Haus der Gastfreundschaft Leuten eine vorübergehendes Zuhause, die

  • Abstand und Zeit brauchen für Erholung und Neuorientierung,
  • die Leben und Arbeiten mit anderen teilen möchten,
  • die in psychischen, sozialen oder geistlichen Krisen stecken.

Die Auslöser für diese Krisen, Bedürfnisse, und Sehnsüchte sind weitgehend in den hohen, oft un- oder übermenschlichen Erwartungen und Anforderungen der heutigen Konsum- und Konkurrenzgesellschaft zu suchen. Es gibt immer mehr Mitmenschen die ausgebrannt oder orientierungslos sind, und die keine Kraft mehr haben, was sich ja auch in vielen psychischen Störungen manifestieren kann.

Im Jahre 1653 haben sich die Rechtlosen und Ausgebeuteten solidarisch gezeigt und sich organisiert um dem konstanten Druck von oben Widerstand zu leisten und Linderung zu finden. Sie haben gekämpft für eine Anerkennung und angemessene Stellung innerhalb der zeitgenössischen Systems. In einer individualistischen Gesellschaft muss jeder einzelne für sich kämpfen. Das Haus der Gastfreundschaft bietet einen geschützten, solidarischen Rahmen für Leute, die ihre Kraft verloren haben bedeutungsvoll am gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben in 21. Jahrhundert teilzunehmen und ihr Potential zu entfalten.

Zweitens ist ein einfacher Lebensstil nach dem Vorbild von Franziskus von Assisi, wie er von der Sunnehügel Gemeinschaft gepflegt wird, selbst eine Form von Widerstand gegen die Dominanz einer verschwenderischen Gesellschaftsform und eines ausbeuterischen Wirtschaftssystems. Vielleicht wird in vielen Jahren die Wirkung dieses Vorlebens als Einfluss auf persönliche oder grössere gesellschaftliche Veränderungen erkannt, die wir heute noch nicht sehen oder abschätzen können. Die Kapuzinerbrüder vor 360 Jahren waren ja auch beispielhaft für die Landbevölkerung: Sie lebten vor wie man trotz grundsätzlichen Reformanliegen für eine echte Nachfolge der urchristlichen Prinzipien weiterhin gehorsam in die arrogante und bevormundende Kirchenhierarchie eingebunden sein kann.

English translation:

Marginalization, Oppression, and Resistance

Upon arrival at the former Capuchin monastery, today’s House of Hospitality, a large stone plaque is visible. The inscription primarily points out the architectural development of the historic building; but from the first sentence, much historical context becomes apparent:

“To soothe the bitter subjects after the Peasants War of 1653, the Council sent the Capuchins from Lucerne to Schüpfheim and built them here, where previously a gallows with remains of executed peasant leaders stood, the church and monastery at their own expense.”

The Peasants War was an uprising of the disenfranchised rural population. The farmers had enough of the political paternalism and economic exploitation and discrimination by the mighty rulers from the city. One of the triggers for the riots of 1653 was the unilaterally and secretly decided devaluation of foreign cantonal currencies. Before this special economic measure to strengthen public finances in Lucerne was published, the treasury paid all claims of the rural population with coins in the affected cantonal currencies. Thus the people not only felt the economic pressures, but also the loss of purchasing power from the insider deal.

A petition to the government failed due to a scare tactic by the authorities. Subsequently, the farmers of the Entlebuch valley organized a diet or popular assembly, which was not approved by the council in the city. The farmers decided to organize themselves to voice their concerns and to give more weight to their demands from the patricians of the government in Lucerne. On one hand, they had economic demands, such as tax cuts and reimbursement for the suffered currency losses, as it happened in neighbouring cantons. There were also political demands, such as the freedom of assembly, a political voice, and partial local self-government.

The city-states responded with repressive measures. The affected cities mobilized armies of mercenaries and their own militias. Negotiations were superficial; signed agreements were cancelled immediately by the authorities. After the third public meeting in a few months, where the rural population of neighbouring cantons participated, the farmers decided to use force and besieged the supply routes of the cities in May 1653. This action let to a crushing defeat of the amateurish equipped troops of peasants shortly thereafter.

But the authorities were not satisfied with the military victory and the terms of surrender. The rural areas were thoroughly searched from house to house for months. Suspects were arrested, tortured, punished and executed with brute force. The gallows and mortal remains of the executed on the hill near the town of Schüpfheim testify for these government reprisals.

The following text from the Council minutes of the city of Lucerne, recording the decision to finance the construction costs of the newly founded monastery, documents the self-understanding of the feudal authorities toward the rural population. “That you will become steady and firm in your love, loyalty, and obedience towards us, as your God-given, ordinary, and natural authority so nobody will have to experience again these tiresome affairs, which happened to us about two years ago” (September 5, 1654)

Thus, the Capuchin friars were not established here to take care of the welfare of a vulnerable population and to give them spiritual guidance in tough times at best. Rather, it was the mandate of the friars, to promote the re-education of the political attitude of the rightless rural population to secure the social, political, and economic domination of the feudal rulers: “the pious friars shall keep the Entlebuch valley in peace and quiet and shall ensure that the innate thoughtlessness of the people of Entlebuch shall not bring forth another mishap, but they shall be treated and cured”, as stated in the Council minutes from September, 5 1654 (Messmer, p. 15).

But I have to think hard to understand, how this mandate could be in line with the principles of Franciscan spirituality. The answer will not be easy to find. The historical sources tell us that the Capuchin Friars had a good rapport with the rural population of Entlebuch, despite of their political mandate. Until the dissolution of the monastery in 1979, they often enjoyed a greater popularity among the ordinary people of the valley than the cantonal government in distant Lucerne. The democratic demands for political participation and equal right from the Peasants War were a harbinger for the end of absolutism and the slow transition to a democratic form of government in Switzerland.

What importance can this connection with the tragic and influential historical events still have for the residents of the former Capuchin monastery, 360 years later? I can see two aspects of the Sunnehügel community that have certain parallels with the story of the Peasants War.

First, the House of Hospitality offers people a temporary home

• when they need distance and time for recovery and re-orientation,

• to share life and work with others,

• when they find themselves in a psychological, social, or spiritual crises.

The triggers for such crises, needs, and desires are largely found in the high, often inhumane or super-human expectations and demands of today’s competitive consumer society. There are more and more people who are burned out, disoriented, or who have little strength left, all of which can manifest in various mental health challenges.

In 1653, the disenfranchised and exploited have shown solidarity and organized to resist and to find relief from the constant authoritarian pressures. They have fought for recognition and proper standing in the contemporary system. In an individualistic society, every person fights for him or herself. The House of Hospitality provides a protected, supportive framework for people who have lost their strength to meaningfully participate in the social and economic life of the 21st Century and to unfold their potential.

Secondly, a simple lifestyle as it is adopted by the Sunnehügel community, following the model of St. Francis of Assisi, is a form of resistance against the dominance of a wasteful society and an exploitative economic system. Maybe in a few years, the effects of this modelling will be recognized as having had an impact on personal or social changes that we cannot yet see or predict. Similarly, the Capuchin Friars were indeed a good example for the rural population 360 years ago: They demonstrated how to be obedient and integrated into the arrogant and patronizing church hierarchy, despite fundamental calls for reform to live by the principles of the earliest Christians,.

Quellen:

Messmer, K. (2003, 15. März). Die Entlebucher – „Ursprung alles Übels“. 1653er Revue: 350 Jahre schweizerischer Bauernkrieg 1653. Luzern, Switzerland: Neue Luzerner Zeitung.

Stam, S. (2012). Werden und Wirken des Kapuzinerklosters Schüpfheim: Ein Rückblick. Entlebucher Brattig (2012), 76-78. 

5 thoughts on “Ausgrenzung, Unterdrückung, und Widerstand (+en)

    1. Hi Celia, no sarcasm at all. It is serious question of mine. The Capuchins, based on the radical choices made by Francis of Assisi, rejected the hierarchical structure and the self-indulging power and influence of the church. They wanted to live in solidarity with the poor and the marginalized, without possessions, without permanent home. But they are still within the Roman Catholic church, practicing obedience, benefitting in part from its support, and being governed by some of the doctrines established by the church authorities that contradict their fundamental beliefs of spirituality and social justice.

      1. In light of your recent post on obedience the sentence makes more sense to me. Though it is still somewhat of a riddle: how to integrate and resist at once.

      2. It is one of the difficult tasks of human existence for me. We are used to dualistic thinking: either – or; black and white.
        I started to appreciate non-dualistic thinking or interconnectedness in the context of working as a nurse with indigenous populations. I needed to expand my world view and see the validity of diverse understandings of health and healing without dumping the scientific/medical one.
        The following post expands on that topic: Nursing with indigenous communities.

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