Betrachtung zur Fastenzeit #6

Passionszyklus (vor Pontius Pilatus), Kirche Tenna, GR, um 1408, unbekannter Künstler
Passionszyklus (Jesus vor Pontius Pilatus), Kirche Tenna, GR, um 1408, unbekannter Künstler

Ein verletzter und leicht gebeugter Mann wird vorgeführt. Die Autoritäten, erkennbar an ihren Kopfbedeckungen und ihren gepanzerten Begleitschaften, sehen ein bisschen ratlos aus. Was bedeutet das Fingerspiel der Figuren? Es gibt eine grosse Diskrepanz zwischen den drei “Gekrönten” im Bild. Der verletzte Mensch scheint nicht ganz alleine: Die Hand auf seiner Schulter drückt ein bisschen Menschlichkeit aus.

  • Wie weit lasse ich mich einspannen in Machtproben und Kräftespiele (in der Familie, im Arbeitsleben, in der Gesellschaft), und vergesse dass Andere dabei zu schaden kommen?
  • Worin liegt der Reiz so zu tun wie die Andern, den Moden zu folgen, auch wenn diese Diktate nicht meinem Innern entsprechen oder dem Wohle aller dienen?
  • Wie stark bin ich mir meiner inneren Einzigartigkeit bewusst, so dass ich mit den äusseren Stürme, den Verletzungen, den Bedrohungen umgehen kann – weil ich weiss dass ich von ganz anderen Kräften getragen werde?

Diese Szene aus dem Passionszyklus in der Kirche von Tenna zeigt Jesus der von den kirchlichen Autoritäten den Vertretern der weltlichen Macht vorgeführt wird. Wir wissen, dass die Juden von den Römern unterdrückt wurden zur Zeit Jesu. Doch hier sehen wir einen Akt der Kollaboration: Mit einem gemeinsamen Feind gelingt es, sich zwischen Unterdrücker und Unterdrückten zu arrangieren. Der Künstler drückt das schön aus in der Anordnung der Hände: es gibt ein harmonisches Bild, wie wenn die Welt in Ordnung wäre.

Leider sind andere Details in diesem Bild dem Zahn der Zeit zum Opfer gefallen. In vorgängig besprochenen Bilden waren die Augen der verschiedenen Figuren sehr aussagekräftig dargestellt; hier sind sie verblasst oder vielleicht sogar durch menschliche Einwirkung so abgeflacht, dass die meisten Gesichter relativ ausdruckslos bleiben. Oder soll das eine gewisse Gleichgültigkeit darstellen?

In dieser Welt ist Individualität ein zentrales Dogma. Alles ist ausgelegt um sich in der Gesellschaft als autonomes Individuum aus zu drücken. Was dazu führt, dass viele Menschen nur noch sich selber sehen und dabei vergessen, dass sie alleine wenig Bedeutung haben im Universum. Durch das überhöhte Ego werden wir alle zu Spielbällen von externen, weltlichen Mächten.

Für mich ist klar, dass ich ein einzigartiger Mensch bin. Auch jeder andere Mensch besitzt diese Einzigartigkeit. Als solcher bin ich ein kleiner Teil in einem höheren Organismus. Ich lebe, weil ich Teil eines Ganzen bin. Das Ganze ist nur ganz, weil alle Partikel da sind und leben. Zu dieser Thematik habe ich mich im Artikel über die Bedeutung der Geringfügigkeit des Selbst schon ausgedrückt.

Diese Eingebundenheit gibt mir den Auftrag und die Fähigkeit, mein Sein in dieser Welt kritisch zu betrachten. Damit kann ich vermeiden, in unheilige Allianzen und nicht lebensbejahende Aktivitäten herein gezogen zu werden. So wie Jesus könnten ich -auch ohne grosse Worte und mit all meinen Verletztheiten – dastehen als Zeuge für einen anderen Umgang mit den Mitmenschen und der ganzen Schöpfung.

Hier noch die Textstelle aus der Bibel die in der oben stehenden Szene dargestellt ist:

Jesus vor Pilatus (Markus 15:1-5)

Und bald am Morgen hielten die Hohenpriester einen Rat mit den Ältesten und Schriftgelehrten, dazu der ganze Rat, und banden Jesum und führten ihn hin und überantworteten ihn dem Pilatus. Und Pilatus fragte ihn: Bist du der König der Juden? Er antwortete aber und sprach zu ihm: Du sagst es. Und die Hohenpriester beschuldigten ihn hart. Pilatus aber fragte ihn abermals und sprach: Antwortest du nichts? Siehe, wie hart sie dich verklagen! Jesus aber antwortete nichts mehr, also daß sich auch Pilatus verwunderte.

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Die weiteren Betrachtungen zu den zehn Szenen, die im Verlauf der Fastenzeit publiziert werden, können hier gefunden werden: Betrachtungen zur Fastenzeit

Hier ist noch der ganze Zyklus im Zusammenhang:

(photo credit: Foto-Kunst Andreas Keller, kirchen-online.org)

One thought on “Betrachtung zur Fastenzeit #6

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